keine falschen fragen


ich erhalte einen anruf in meiner arbeit. eine frau, die einen unbegleiteten minderjährigen flüchtling aufgenommen hat, druckst herum ja es sei ihr jetzt sehr unangenehm und sie wolle auf gar keinen fall irgendwie rechtsradikal wirken, aber der junge mann würde die toilette bei ihnen im haushalt nicht benutzen. oder vielmehr so benutzen, wie er es kennt, wie sie es aber nicht möchte. aus gründen. sie traue sich jetzt aber nicht, das anzusprechen, weil sie sorge habe, dass er sich dann nicht willkommen fühlt und wir denken, sie sei ein nazi. eine frau mit einer 15 jährigen tochter meldet sich bei mir. sie lebt neben einer erstaufnahmeeinrichtung. sie sagt sie möchte wirklich nicht schlechtes sagen, sie hilft dort selber mit und sie weiss auch nicht, wie sie es ausdrücken soll, ohne dass ich denken müssen sie sei irgendwie rechts. aber ihre tochter hätte angst an dieser einrichtung vorbei zu laufen, sie sei bereits mehrfach angesprochen worden, was ihr unangenehm sei und jetzt wollten sie mal nachfragen, was wir denn meinen wie sie und ihre tochter mit dem thema umgehen solle „man will ja nicht, dass alle gleich denken, man sei gegen flüchtlinge, das sind wir nicht, aber das ist so neu und wir wissen nicht weiter“.

ich erlebe es in meiner arbeit von tag zu tag – die menschen haben fragen. es sind fragen, die im momentanen klima recht schnell in der pegida-ecke verortet werden – fragwürdig scheints in ihrer absicht, dumm und nicht aufgeklärt. aber es sind keine pegida-anhänger sondern ein großteil der bevölkerung, sehr normale menschen in einem sehr normalen landstrich in deutschland, der darüber hinaus noch durch seine grenzlage in hohem maße mit dem thema konfrontiert ist. es sind menschen wie du und ich. und sie haben fragen, die sie sich in einer kultur der deutungshoheit einer vergleichsweise kleinen, sich als aufgeklärt, belesen und zivilisiert nennenden bevölkerungsgruppe nicht zu stellen trauen weil sie angst davor haben missverstanden und als rechts bezeichnet zu werden.

dabei ist es in meinen augen eine unabdingbare voraussetzung für integration, dass es eine offenheit für solche fragen gibt – die sich aber eben nicht nur darin zeigt, dass wir jetzt alle hummus essen, kleider sammeln und ein paar brocken farsi lernen und offen für die fremde kultur sind, sondern auch darin auszuhalten, dass ein grossteil der deutschen bevölkerung noch nicht mal weiss was hummus ist und nicht weiss wie farsi buchstabiert wird und dennoch nicht rechts ist und montags spazieren geht. und das fällt offensichtlich sehr schwer, wenn ich mir den tenor manches artikels ansehe – und ich konstatiere: wir haben ein innerdeutsches integrationsproblem das wir erst lösen müssen. ohne diese lösung bekommen wir keine integration von flüchtlingen zustande. wir müssen eine innerdeutsche kultur der offenheit leben die erstmal garnichts mit der flüchtlingsfrage zu tun hat, die vermeintlich dumme fragen erlaubt, damit aus der not heraus nicht die einfachen antworten bei pegida gesucht werden. denn ich rede nicht von pegidaanhängern, die ich in weiten teilen als gesellschaftlich „verloren“ ansehe. ich rede von der in der flüchtlingsfrage noch unentschiedenen masse, die deutschland dringend für eine gelungene integration braucht.

diese masse hat fragen, auf die mittlerweile reflexartig mit schelte und beschimpfungen reagiert wird und ich wundere  mich, warum das eigentlich so ist? ich erlebe manche frage als spiegel meiner eigenen ängste, was mich dazu verleitet in einen widerstand zu verfallen, der mehr mit mir als mit der frage oder dem fragesteller zu tun hat. das beschreibt schon rosenberg in seiner gewaltfreien kommunikation – das gegenüber ist immer nur auslöser nicht ursache der eigenen gefühle. es wäre daher eine gewisse form von selbstreflexion angebracht bevor man dem anderen dummheit unterstellt. vielleicht reagieren wir auch so weil wir selbst keine antworten haben – denn auch wir sind zum erstenmal mit fragen konfrontiert, mit deren antworten wir uns bisher noch nie beschäftigen mussten – zb der simplen, wie man denn mit unterschiedlichen kulturellen hygienevorstellungen umgeht? oder gerade in meinem beruflichen kontext hochspannend – wie mit anderen kulturell bedingten erziehungsstilen? ich erlebe eine unglaublich elitäre innerdeutsche haltung – dumm und unwissend sind immer die anderen. das ist aber so oft nicht richtig, denn bei näherem hinsehen wird klar, dass ein großteil derjenigen, die meinen zu wissen wie der hase in sachen integration und flüchtlingsfrage zu laufen hat, oft keinerlei persönliche erfahrungen im umgang mit flüchtlingen hat. informationen werden in hohem maße aus der presse übernommen, aus blogbeiträgen oder fernsehreportagen – was einen nicht klüger, allenfalls informierter macht. durch die hohe mediale aufmerksamkeit, unsere deutsche geschichte und der (zeitlichen) dringlichkeit des themas entsteht in meinen augen ein irrer druck, politisch korrekt zu handeln und zu agieren. dem folgen wir gerne und erheben unser wissen zur allgemeingültigkeit, die vermeintlich simple, aber in hohem maße notwendige fragen in bezug auf integration ausschliesst. wir müssen aushalten lernen, dass integration nur dann funktioniert, wenn wir alle teile der bevölkerung mit ins boot holen und nicht die aussen vor lassen, die zwar die mehrheit ausmachen und letztendlich die integration scheitern oder gelingen lassen können, die sich aber durch bildung oder informationsbeschaffung von uns unterscheiden.

wenn wir wollen, dass integration funktioniert müssen wir damit innerhalb unserer gesellschaft anfangen und auch die teile der gesellschaft mitnehmen, die uns fern sind und deren fragen wir uns gerne entziehen, vielleicht weil wir selbst die antwort nicht wirklich kennen. oder weil uns die frage am schopf unserer politischen korrektness und verklemmtheit packt. oder weil wir uns ertappt fühlen, weil uns selbst diese frage umtreibt wir uns aber nicht trauen sie zu stellen aus angst als tendenziell rechts dazustehen. was uns bewegen sollte ist, inwieweit wir selbst bereit sind uns zu öffnen für fragen die keine fremdenfeindlichkeit zum ausdruck bringen wollen sondern reines unwissen, gepaart mit unsicherheit und auch sorge. und wo und in welchem kontext das geschehen kann. ich denke eine möglichkeit ist, bei jedem gespräch in dem uns die eigene ablehnende haltung begegnet, die eigene sichtweise erstmal hinten an stellen und zuhören um was es genau beim gegenüber geht, es nicht vorverurteilen sondern mit ihm gemeinsam mitdenken. wir können versuchen, bei jedem gespräch den gesprächspartner und uns anzuleiten, empathisch zu bleiben für die unterschiedlichsten fragen in bezug auf integration und alltag mit vielen menschen aus anderen kulturkreisen. wir können in gesprächen gedankenmuster wie „das darf man doch nicht fragen!?“ aufspüren und mal für eine zeit zur seite legen. und darüber hinaus unterscheiden lernen, zwischen tatsächlicher fremdenfeindlichkeit und einem mangel an information, neugierde, unwissenheit und sorge oder einwand und nicht reflexhaft jede sicht ausserhalb der unseren als politisch unkorrekt abstempeln.

wenn wir es schaffen, an unserer eigenen haltung zu arbeiten, integration wirklich zu leben durch zuzuhören, empathie und eigenreflexion und vor allem die fähigkeit entwickeln, das fremde und unverständliche auch und besonders in der eigenen gesellschaft auszuhalten und sich mit ihm auseinanderzusetzen, erst dann gelingt uns die integration von flüchtlingen. eine offene, empathische, konfliktfähige deutsche gesellschaft ist der beste boden dafür.

 


(die autorin arbeitet in einem bayerischen, grenznahen jugendamt und ist durch ihre arbeit in kontakt mit einheimischen und flüchtenden menschen.)

 

dieser post ist ein beitrag für die blogparade #fluchtgeschichten des literaturfest münchen 2015.

„#fluchtgeschichten: Wie nehmt ihr die aktuelle Situation wahr – auf Reisen oder direkt vor der Haustür, in den Medien oder bei der Arbeit als Volunteer? Kennt ihr Erlebnisse und Schicksale, die erzählt werden sollten? Welche Initiativen und Organisationen findet ihr gut? Und warum?“

 

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17 schräge Töne zu “keine falschen fragen

  1. Pingback: Blogparade #fluchtgeschichten : blog.litmuc.de

  2. Pingback: Blogparade #fluchtgeschichten | Über das Schreiben von Geschichten

    • sehr sehr gerne. es liegt mir schon so lange auf der zunge und ich bin sehr froh, dass ich das hier bei hannes daheim mal loswerden durfte :)

  3. Pingback: 21. Oktober | muetzenfalterin

  4. Inhaltlich super, obwohl ich mehrfach zwischendrin aufgeben wollte und drei Anläufe brauchte. Ich weiss, ich rede gegen die Wand, bzw. es ist eine Glaubensfrage / ein Politikum, aber: Kleinschreibung macht es nur für den Autoren einfacher, einen langen Artikel zu schreiben. Für den Leser ist es leider hingegen eine echte Zumutung (noch dazu mit so kleiner Schriftgrösse und geringem Zeilenabstand wie bei Johannes hier im Blog, aber das ist eine andere Baustelle).

    • Ich kann bezüglich der Lesefreundlichkeit des Textes nur zustimmen – nicht einmal den Beginn eines Satzes mit einem Großbuchstaben zu beginnen, ist kein Ausdruck von Empathie gegenüber dem Leser – Aber andererseits ist es auch ein wunderbares Beispiel dafür, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen – Da mögen die Absichten der Autorin noch so ehrenwert sein, der Text ist eine Zumutung und auch eine Provokation – Was will die Autorin – verstanden werden oder mich zwingen sie zu verstehe?

      Zum Thema selbst – Der Dialog macht nur Sinn, wenn beide Seiten aufeinander zugehen. Was bin ich und was ist der andere gewöhnt? Was erwartest du und was kannst du erwarten? Weiß der andere, was du denkst? Der Hund beißt nicht sagen viele Hundebesitzer, aber weiß das auch der Hund kann man erwidern und es zeigt worauf es ankommt. Der andere ist vielleicht der Auslöser meiner Angst und meine Angst ist eine Spiegelung der Angst des anderen. Was also ist Ursache. was Wirkung – der andere und ich dürfen nicht vergessen, dass wir Angst machen und wir können noch so viele Appelle aussprechen – Du brauchst keine Angst zu haben, die Angst geht nicht, sie schwindet in dem Maße, wie das Verhalten des anderen und mein Verhalten berechenbar wird und verständlich.

      Der Mensch ist keine Zumutung, aber sein Verhalten kann als Zumutung erlebt werden – reden wir übers Verhalten – der Kanzlerins Verhalten war eine Zumutung, nicht die Motivation Asyl zu gewähren – Der moderne Mensch will gefragt werden, damit er sich einstellt und nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden, das aber ist den Politikern so egal und das macht wütend, weil es im Kontrast zu dem steht, was wir tagtäglich tun müssen, miteinander abstimmen und absprechen, was wir vor haben und tun. Auch das Helfen bedarf Absprachen – selbst im Fall der Not und ersten Hilfe. Integration gelingt, wenn wir gemeinsam agieren und nicht, wenn einer sagt, was der andere zu tun hat.

      • Ich kann die Schlussfolgerungen nicht wirklich verstehen. Dialog entsteht, in dem ihn einer beginnt. Meines Erachtens braucht es dafür kein aufeinander zugehen, sondern allenfalls eine Bereitschaft zuzuhören.

        Auch die Schlussfolgerung, dass das Verhalten der Kanzlerin eine Zumutung sei, teile ich nicht. Politiker sind dafür gewählt Entscheidungen zu treffen. Ich bin wahrlich kein Fan unserer Kanzlerin, aber hier hat sie endlich mal eine Entscheidung getroffen und Position bezogen. Ziemlich klar sogar für ihre Verhältnisse. Es ist das Wesen der Demokratie, dass Politiker im Auftrag des Volkes Entscheidungen treffen, deswegen nennt man sie ja auch Volksvertreter.

        Integration bedarf aber zunächst gewisser Grundvoraussetzungen wie klaren Regeln, einer funktionierenden Infrastruktur, Zugang zu Bildungsangeboten etc. Dafür die Voraussetzungen zu schaffen ist Aufgabe der Politik und kann und darf nicht auf Dauer „unorganisierten“ Ehrenamtlern überlassen werden, die dafür oft weder ausgebildet noch mit den nötigen Ressourcen ausgestattet sind.

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