Fernweh my ass*

Gleis 5 am Hauptbahnhof Bochum
Ich erinnere mich immer noch gern an die ersten Zeltlager meiner Jugend. Auch wenn sie mich nicht wirklich in die Ferne, sondern ins vor den Toren des Ruhrgebiets liegende Sauerland führten, bedeuteten sie für mich als Achtjährigen Freiheit. Noch wie heute weiß ich, dass ich mich beim Einstieg in den großen Reisebus von meinem Großvater mit den Worten eines zu großen und gefährlichen Abenteuern aufbrechenden Pioniers verabschiedete, die da lauteten: „Auf nimmer Wiedersehen.“ Ein Satz, den mir mein Großvater bis zu seinem Lebensende nachtrug und dessen Tragweite mir im Moment seines Aussprechens nicht wirklich bewusst war.

Ich war kein Kind, das Heimweh hatte. Während viele der mitgereisten Kinder meines Alters früher oder später Trost bei den Betreuerinnen und Betreuern suchten, genoss ich jeden Moment fernab der Heimat. Ich verkaufte sogar die mir mitgegebenen Briefmarken an die anderen Kinder und besorgte mir dafür im Lagerkiosk lieber Naschkram. Wozu mich mit dem Schreiben von Postkarten aufhalten, wenn ich mit einem Mars-Riegel in der Hand mithelfen konnte, im Wald einen Donnerbalken oder eine Gardena-Duschkabine zu zimmern?

Der Reisehorizont meiner Kindheit erstreckte sich irgendwo zwischen Österreich im Süden, der holländischen Nordseeküste im Westen sowie der Ostsee im Norden. Erst als Jugendlicher wurden die Reiseziele der Kirchenjugend ambitionierter und führten mich nach Südengland, Südschweden oder in die Schweiz. Richtiges Reisefieber und die Lust auf andere Länder und Menschen weckte dann der erste Schüleraustausch, der mich nach Norditalien verschlug. Erstmal lebte ich längere Zeit in und mit einer fremden Familie in einem fremden Land und war dabei mehr oder minder auf mich allein gestellt. Ich tauchte ein in das Alltagsleben einer norditalienischen Kleinstadt und wurde voll in meine Gastfamilie integriert. Ich glaube, es war diese durch und durch positive Erfahrung, die mir gezeigt hat, wie spannend und bereichernd es ist, in andere Welten und Kulturen einzutauchen.

Heimweh war von Beginn an kein Thema für mich. Ich erledigte allenfalls meine Pflichtpostkarten und -anrufe um die Daheimgebliebenen nicht völlig darüber im Dunkeln zu lassen, ob ich noch lebte oder nicht. Aber es zog mich nur selten wirklich wieder nach Hause. Vielleicht lag das auch daran, dass oft genug, wenn ich heim kam, meine wenigen Postkarten, die ich geschrieben hatte, mit Rotstift korrigiert auf meinem Bett oder Schreibtisch lagen.

Seit meinem Schüleraustausch in Italien war das Fernweh wie ein Virus, den ich mir eingefangen hatte. Ich wollte die Welt entdecken, sie mir erschließen. So war es nur konsequent, dass ich die Zeit zwischen Abitur und Lehre ebenfalls im Ausland verbringen wollte. Mit einem guten Schulfreund und dem uralten Polo seiner Eltern tourten wir für mehrere Wochen durch Schottland. Als Führerscheinanfänger im Linksverkehr ein echtes Abenteuer. Wir schliefen in Hostels, bei Freunden seiner Eltern, die dort wohnten oder – und das war die von uns bevorzugte Variante – wild in der Natur campend im Zwei-Mann-Zelt, das wir liebevoll auch Hundehütte nannten. Auch wenn wir beide Nichtraucher waren, so stellten wir uns die Abenteuer des Marlboro-Manns vor. Abends gab es Ravioli vom Esbit-Kocher und jeden Tag wurde eine andere Destillerie besichtigt. Aus dem gesamten achtwöchigen Urlaub schrieb ich gerade mal eine gute handvoll Karten, die meisten davon an die Lieblingsoma, von der ich wusste, dass sie sich wirklich freute.

Die erste Flugreise, die ich im zarten Alter von immerhin schon 21 Jahren machte, führte mich dann nach Bangladesh. Sie sollte zu einem lebensverändernden Moment werden. Nach dieser mit zehn Tagen doch eher kurzen Reise war nichts mehr wie vorher. Das vor Ort erlebte und gesehene veränderte meine Sicht auf die Welt, die Menschen, unser Zusammenleben und unseren Umgang mit der Natur fundamental. Ich begann, mich endlich wirklich für Zusammenhänge zu interessieren, mich mit Politik zu beschäftigen und eigene wie fremde Ansichten radikal zu hinterfragen. Es war, als hätte mir jemand eine Maske vom Gesicht gerissen und mir das wahre Leben gezeigt.

Ich empfinde es als großes Glück, immer wieder Auszeiten von der Heimat nehmen zu dürfen. Und das, obwohl ich meine Heimat, das Revier, wirklich sehr liebe und mir kaum vorstellen kann, dauerhaft woanders zu wohnen und zu leben. Aber Reisen mach mein Leben reicher. Es zwingt mich, andere Perspektiven einzunehmen, Einstellungen zu ändern, flexibel zu werden, mich zu öffnen und auf Unvorhergesehenes einzulassen. Dabei ist es egal, ob es die Natur ist, die mir diese Erfahrungen beschert, oder ob es Begegnungen mit Menschen sind. Beides wirkt nachhaltig und bereichert enorm.

Auch wenn ich mittlerweile gern wieder heim komme, ich brauche die regelmäßigen Tapetenwechsel. Ich bin gern unterwegs, selbst wenn es nur kurze geschäftliche Reisen sind. Es mag seltsam klingen, aber ich kann kaum durch einen Bahnhof gehen, ohne kurz auf die Anzeigetafeln zu gucken und zu schauen, wohin mich die nächsten Züge wohl bringen könnten. Und wenn ich über Nacht in einer fremden Stadt bin, lasse ich es mir nicht nehmen, abends vor die Tür zu gehen und mir eine nette Eckkneipe oder ein Lokal zu suchen, wo ich etwas esse und Leute beobachte. In diesen Momenten taucht dann wieder der kleine Abenteurer in mir auf, der zum ersten Mal in den Bus steigt, der ihn zum Zeltlager bringt.
 

*Inspiriert zu diesem Text hat mich einmal mehr die liebe Wibke. Auch wenn ich zu spät für die Blogparade von Sabine bin, lege ich euch die Lektüre der Texte dennoch gern ans Herz.

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6 schräge Töne zu “Fernweh my ass*

  1. Eine gute Freundin hat einmal zu mir gesagt: „Man kann nur in die Ferne reisen, wenn man gut verwurzelt ist“… Dieser Satz hat mich sehr getröstet, als meine Tochter mit 18 Jahren nach dem Abi von zu Hause ausgezogen ist, um in Köln zu leben und zu studieren. Da wir im tiefsten Süden Deutschlands leben, ist Köln nicht gerade um die Ecke. Deine Gedanken zum Fernweh gefallen mir sehr und ich kann mich selbst gut darin wiederfinden. Jeder, den es in die weite Welt zieht, kann das nur, weil er seine Heimat in sich trägt.

  2. „Es zwingt mich, andere Perspektiven einzunehmen, Einstellungen zu ändern, flexibel zu werden, mich zu öffnen und auf Unvorhergesehenes einzulassen“
    Ich glaube, mit dem Satz hast Du erwischt, wofür das Fernweh steht, finde ich :-)

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