Es hat dir nicht geschadet

„Es hat dir nicht geschadet.“

Noch immer wirkt dieser Satz wie eine verbale Ohrfeige, wenn ich ihn höre. Und ich höre ihn noch immer. Immer wieder. Noch Jahrzehnte nachdem Kochlöffel auf meinem Allerwertesten zu Bruch gegangen sind. Jahrzehnte nach den angstvollen Stunden, die ich verbrachte, bis der Vater, den ich liebe, von der Arbeit kam und mich übers Knie legte, weil ich zuvor Mist gebaut hatte.

Lange habe ich überlegt, ob ich diese Zeilen schreiben soll, denn sie machen etwas transparent, was ich bislang verborgen hielt. Doch die Blogparade von Susanne war der Impuls, das Schweigen zu durchbrechen. Unter dem Titel „Es geht auch anders! Gewalt gegen Kinder darf nicht sein!“ hat sie dazu aufgerufen, über dieses eben oft be- und verschwiegene Thema zu bloggen.

„Es hat dir nicht geschadet.“

Dieser Satz ist heute noch eine Selbstversicherung, eine Rechtfertigung meiner Eltern, wenn es um die Erziehung unserer eigenen Kinder oder das vermeintliche Fehlverhalten der Kinder bzw. Enkelkinder anderen Leute geht. Meine Eltern selbst sind Mitte der 30er Jahre geboren und sicher mit zahlreichen Gewalterfahrungen in der Erziehung durch ihre Eltern und vor allem im Umfeld der Kriegsjahre groß geworden. Für sie zählten eine Tracht Prügel oder – mindestens genauso schlimm –der Entzug von Liebe durch langfristiges Schweigen ganz selbstverständlich zur Erziehung von uns Kindern dazu. Ich glaube, dass sie das gar nicht groß hinterfragt haben, sondern dass es für sie eine Selbstverständlichkeit, eine Normalität darstellte.

Ich liebe meine Eltern. Damals wie heute. Und ich will in diesen Zeilen keinen Vorwurf an sie formulieren. Die Dinge sind passiert, es ist nicht zu ändern, es ist vorbei. Was jedoch nicht vorbei ist, ist der Verlust an Urvertrauen. Gewalt, egal ob körperlich oder emotional, zerstört Vertrauen. Nachhaltig. Unwiederbringlich. Und deswegen zucke ich auch heute noch zurück, wenn ich diesen Satz höre.

Am liebsten würde ich laut aufschreien: „Doch, es hat mir geschadet. Uns geschadet. Es hat ein Band zwischen uns zerschnitten. Das Band bedingungslosen Vertrauens.“

Ich glaube, als Eltern sind wir alle irgendwann in Situationen, in denen wir an unsere Grenzen stoßen. Ob aus eigener Überforderung oder aus purer Provokation. Das eine bedingt ja oft genug das andere. Und dennoch darf eines nie in Gefahr geraten: Das Urvertrauen, das unsere Kinder in uns haben. Denn wenn das einmal zerstört ist, kehrt es nicht wieder zurück. Keine Entschuldigung der Welt, kein noch so großes Kompensationsgeschenk kann dieses zerschnittene Band wieder heilen.

Dieses Vertrauen zu erhalten, ist eine der schwierigsten und größten Herausforderungen in der Begleitung unserer Kinder. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben von uns Eltern. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Das Wissen und Vertrauen, dass sie mit egal welchen Problemen und Fehlern zu uns kommen können, ist das größte Geschenk, das wir ihnen machen können. Ich wünsche mir sehr, dass uns das gelingt. Und ich wünsche mir auch, dass es uns gelingt, uns zum Anwalt der Kinder zu machen, bei denen wir mitbekommen, dass ihnen diese Vertrauensbasis entzogen wurde. Denn Sie brauchen helfenden und zupackende Hände. Sie brauchen Bezugspersonen, bei denen Sie das Vertrauen finden, das ihnen woanders ohne ihr Verschulden entzogen wurde.

Print Friendly

47 schräge Töne zu “Es hat dir nicht geschadet

  1. Ich finde es sehr gut, dass du darüber schreibst, denn ich denke, es geht unzähligen Mensch so wie dir. Ich kenne diesen Spruch auch zu gut. Damit machen es sich die Eltern leicht ihr schlechtes Gewissen zu verdrängen und alles in Ordnung erscheinen zu lassen. Man muss es bei den eigenen Kindern besser machen. Gewalt ist keine Lösung. Egal ob verbal oder emotional. Das stimmt!!!

  2. Vielen Dank für diesen Artikel! Auch wenn ich ganz schön schlucken musste… Wir haben gerade unsere Tochter bekommen und plötzlich sieht man sich mit vergessen geglaubten Situationen aus der Kindheit konfrontiert, die einem ja vermeintlich nicht geschadet haben sollen. Das stimmt aber nicht, sie haben geschadet. Mit der ersten Ohrfeige ist die Angst da und geht nie wieder ganz weg. Ich möchte nie, dass mein Kind vor mir oder dem Papa Ansgt haben muss, egal, was es gemacht hat.
    MIttlerweile schweige ich dazu auch nicht mehr. Wenn jemand zu mir sagt, es hätte mir oder meinen Geschwistern nicht geschadet, sage ich ganz klar: Doch, hat es! Das Verharmlosen muss aufhören. Unsere Kindheit war eigentlich wunderschön, aber die ca. 5 Mal, die meinem Vater „die Hand ausgerutscht ist“ (toller Euphemismus), werden für immer einen Schatten werfen.

  3. Vor Angst fast gestorben, weil ein Kugelschreiber fehlte, den ich gar nicht genommen hatte.

    Kurze, kräftige Hiebe, danach Schmerz und Verzweiflung, eingenässte Hose.

    In der Schule: „Bin gestolpert, mit dem Auge auf die Türklinke gefallen!“

    Wollte mich damals in der Öffentlichkeit selbst verbrennen, einen Brief auf der Straße hinterlassen, wer mich dazu getrieben hat.

    Es hat geschadet, und wie es geschadet hat, … aber es hat mich zum sanftesten Vater gemacht, den Kinder sich erträumen können.

  4. Kaputte Niere, Kiefer gebrochen und den Rest erspare ich dir. Mein schönstes Geschenk an mich selbst? Zu wissen, dass diese Menschen nie mich gemeint haben, sondern immer nur ihren eigenen Dämon. Mit dem kämpfen sie vermutlich immer noch, aber ich konnte aus dem Spiel aussteigen, für das ich freiwillig keine Karte gezogen hätte. Immerhin!:)

  5. Als mein Schwiegervater gestorben ist, da fing mein Mann zu erzählen an. Was ich da erfuhr, konnte ich gar nicht glauben. Dieser gütige alte Mann hat das alles mit meinem Mann getan? Mit einer Gürtelschnalle ihn geschlagen, Holzlöffel sind zerbrochen, er wurde in einen dunklen Keller eingesperrt….Warum war diese Generation so? Denn wie ich so höre, war das kein Einzelfall. Auch in der Schule wurde kräftig zugelangt!!!

    • Weil alle Generationen vorher auch so (preußische Erziehung) und unsere Eltern auch bereits Opfer waren. Dahinter steckt System, die Angst soll den Willen der Kinder brechen und sie gefügig machen. Damit sie manipuliert und befehligt werden können. Damit gute Soldaten aus Ihnen werden. Damit die Feudalherren weiter Ihre Untertanen ausbeuten konnten.

  6. Eine Variante wäre, Deinen Eltern den Text vorzulegen und mit etwas Abstand das Gespräch zu suchen.

    Denn nein, es ist nicht vorbei. Ich kann heute nicht mehr mit meinen Eltern über diese Dinge sprechen, das schmerzt. Es geht dabei nicht um Vorwürfe. Es geht darum, deutlich zu machen, wie ein Handeln auf der Gegenseite angekommen ist und: dass es sehr wohl geschadet hat!

      • Während der Behandlung meiner schweren Depressionen, kamen ähnliche Ideen: Das Gespräch mit meinen Eltern suchen. Doch auch ich (Mama von 2 kleinen Kindern) habe mich nun insoweit arrangiert, dass ich weiß warum meine Eltern zugeschlagen haben: Überforderung im Alltag mit Job, Kindern, Geldsorgen… Es ist passiert. Ich weiß, was damals dazu führte und versuche Wege zu finden, meine Kinder nicht zu schlagen. Bisher erfolgreich. Ich versuche, von vornherein Stressfaktoren runter zu schrauben: kürzer treten im Job, persönl. Erwartungen an mich/die Kinder zu relativieren. Das hilft. Nach kritischen, anstrengenden Phasen aber, die ich mit meinen Kinder ziemlich gut geschaukelt hab, kommen die eigenen Erinnerungen hoch und tun noch immer weh.

        • Danke für diesen ausführlichen Kommentar. Ich bewundere Deine ernsthafte Auseinandersetzung und wünsche Dir bestes Gelingen und weiterhin konstruktive und liebevolle Wege.

  7. Pingback: Das Bloggen der Anderen (22) | Familienbetrieb

  8. Doch, es hat geschadet… Danke für Deinen Mut! Ich habe drei Töchter und mein wichtigster Wert in unserer Beziehung ist es, ihre Integrität zu wahren. Respekt vor allen kleinen (und grossen) Wesen
    und gaaaaaaaaaaaaaaanz viel LIEBE: Das ist a l l e s, was es braucht

  9. Ein wirklich sehr ergreifender Text. Macht sprachlos und gleichzeitig Mut! Mein Mann wurde in seiner Kindheit ebenfalls mit allen möglichen Gegenständen geschlagen, oft wegen Banalitäten wie eine 4 in Mathe, dafür oft sogar aus dem Bett geholt. Das Balsam für seine Seele war später, dass sein Vater viel nachgedacht und sich auch oft dafür entschuldigt hat. Auch ich habe die Geschichten oft mit ihm durchgearbeitet und man merkte, dass er froh war, mit jemanden darüber sprechen zu können. Ganz klar – es hinterlässt einen Schatten, der nie ganz verschwinden wird!

  10. Pingback: Woanders – diesmal mit einem Keller, einem Spitzer, einem Kochlöffel und anderem | Herzdamengeschichten

  11. Ich hab mal irgendwo gelesen: Eltern ohne Urvertrauen erziehen auch wieder Kinder ohne Urvertrauen. Ich finde es wundervoll, dass Du selbst als Elternteil hier durch bewussten Umgang mit Dir selbst dieses Problem eben nicht an die eigenen Kinder weitergibst.

    Nebenbei bemerkt ist Urvertrauen subversiv. Wer von sich selbst das Gefühl hat, einfach durch Geburt ein liebenswerter Mensch zu sein und glaubt, dass schon alles ganz in Ordnung klappen wird mit dem Leben, der passt nicht in eine Leistungsgesellschaft.

  12. Meine Kindheit war zweigeteilt. Geschiedene Eltern, 8 Jahre lang eine Mutter, die feinfühlig, sensibel aber hilflos und später psychisch krank war… Später dann der Wechsel: Zum Vater, der durch eigene Gewalterfahrungen, Verlusterfahrungen, Militärerfahrungen, Alkoholexzesse… alles Sensible ablegte, überdeckte… und wiederum Gewalt anwendete… Vertrauen in beide Elternteile war nur als kleines Kind da. Heute habe ich selber eine Familie, und die gleichen Probleme sind wieder da. Fehlendes Selbstvertrauen, der Glaube, trotz super Abschlüssen und Ausbildung doch ewig scheitern zu müssen. Gemessen an meiner Ausbildung arbeite ich 2 Ebenen zu tief. Ich habe einen kleinen Sohn, den ich so unsagbar liebe, und der mir dennoch so viel Kummer bereitet, da ich kein Rezept habe, um mit seinen Launen, seinen Forderungen umzugehen. Manches Mal schon war ich überfordert, und ich habe über die Maßen reagiert. Ich möchte das nicht mehr und habe mit ihm nun (6 Jahre alt) eine Vereinbarung getroffen. Ich habe ihn immer lieb, ich werde ihn nicht schlagen…, und er darf mit mir zusammen abends einschlafen, wenn er möchte. Ich hoffe, dass verlorenes Vertrauen zurückkommen mag. Ich wünsche es mir. Manchmal sehe ich in mir meinen eigenen Vater, und dann läuft es mir eiskalt den Rücken herunter. Wie schwierig ist es, ein eigener Mensch zu sein. Wie schwierig ist es, Fehler eben nicht nachzuahmen. Wie schwierig ist es, Stärke zu zeigen, in dem man eben nicht den „Starken“ spielt. Mich hat diese Diskussion gerade sehr nachdenklich und still werden lassen. Wir Väter sind oft auch Opfer einer Elterngeneration, die über all das nicht nachdachte… Wie ist das nur möglich? Kommen wir da wirklich heraus, nur durch „Bewusstmachen“ allein sicher nicht.

    • Sich solche Dinge bewusst zu machen, ist immerhin ein sehr nützlicher Schritt. Manche seelischen Probleme trägt man wohl ein Leben lang in sich. Nimmt man sie bewusst wahr, hat man die Chance, durch diese Probleme mit verursachte Handlungen entsprechend abzufangen – oder umgekehrt, ins Handeln zu kommen, wo man sonst gehemmt wäre. Das wirkt dann auch wieder zurück auf die Ursache, indem man erfährt, dass es auch anders geht und das sich das besser anfühlt. Für viele Leute hilft auch der Gang zum Profi. Wer Angst vor Stigmatisierung durch den Gang zum Therapeuten hat, dem empfehle ich folgenden Spruch: „Ich gehe nicht zu dem, weil ich verrückt bin – sondern weil ich nicht verrückt werden will.“ Wenn Du Deine Liebe ausdrückst, wie Du im Kommentar beschreibst, dann ist das doch schon ein gigantischer Schritt, es nicht so zu tun, wie Du es als Kind erlebt hast. Nur Mut!

      • Was Toc4 sagt, lieber Vatersohn. Da gibt es nicht viel hinzuzufügen. Bewusstsein ist ein Anfang, professionelle Hilfe ein gangbarer Weg. Das kann ich aus Erfahrung sagen.

  13. Natürlich schadet es. Und wie traurig, dass man sich selber schämt.
    Die Gewalt-Verteilenden reden sich alles mögliche und unmögliche ein, um sich selbst zu belügen. Das tun ja viele Täter sexualisierter Gewalt auch.
    Es ist wirklich mutig, so etwas auszusprechen. Und dadurch den Zuspruch zu bekommen, den man verdient und braucht. Man ist nicht alleine mit dem Erlebten – leider ging und geht es vielen als Kind so.
    Man spricht es aus und dann ist es unauslöschlich gesagt. Jeder kann es lesen.
    Ich habe im Rahmen der Blogparade, die sich Gegen Gewalt gegen Kinder richtet auch Persönliches im Artikel geäußert. Das Gefühl dabei ist immer mindestens etwas mulmig. Wer Lust hat, ist gerne willkommen zu lesen, damit die Blogparade weite Kreise ziehen kann:
    https://essentialunfairness.wordpress.com/

  14. Lieber Johannes,

    Chapeau!

    Für deinen Mut, das aufzuschreiben und zu veröffentlichen.
    Und für dein Engagement für das Urvertrauen.

    An mir selbst und an Menschen, mit denen ich arbeite, kann ich sehen, wie schwer es ist, ein zerbrochenes Urvertrauen wieder aufzubauen bzw. ein neues tiefes Vertrauen ibs Leben zu kreieren… wie lang es dauert… wie leid- und mühevoll der Weg sein kann…
    Und dennoch: es lohnt sich so so sehr! Selbst wenn viele Jahrzehnte Lebebszeit vergehen, es lohnt sich!
    Und das weiß ich immerhin auch von mir selbst. :)

    Wenn wir es schaffen, so zu handeln, wie du es ansprichst, wie du es forderst, dann haben wir und nachfolgende Generationen die Chance, Stück für Stück das durch Äonen tradierte Elend zu heilen und somit auch für die Zukunft zu sorgen.

    Nochmal: Respekt und Dank für deinen Artikel!

    • Das ist aber wundervoll geschrieben, Jens Gantzel. Zu hören, dass es sich lohnt, auch nach Jahrzehnten daran zu arbeiten, das Vertrauen zurückzugewinnen, macht mir Mut.
      Der Weg nach Missbrauch/Misshandlung ist sehr schwer.

      Die Idee, tradiertes Elend und Leid in der Zukunft abwenden zu können, ist ergreifend schön. Das tut jeder, nicht weitergibt, was er an Gewalt erfuhr. Und jeder, der von Vornherein ablehnt mit Gewalt zu reagieren. Vielleicht ist es irgendwann möglich, dieses Elend nicht mehr weiter existieren zu lassen.

      • Danke dir sehr, lareine, für dein Feedback. Und deine engagierten Gedanken dazu. Ich merke bei mir selbst auch, wie schwer der Weg war und manchmal noch ist, hab allerdings festgestellt, dass das Gefühl der Befreiung und der Sicherheit größer geworden ist. Die Lebensqualität in dieser Hinsicht steigt mit dem Älterwerden, glaube ich, da ich mich auf diesen Weg gemacht habe.

    • Danke, Jens. Das macht Hoffnung, ja. Und das Urvertrauen ist bei mir auch wieder zurückgekehrt. Allerdings nicht in Bezug auf meine Eltern. Da habe ich die Hoffnung aufgegeben und habe auch keinen Antrieb mehr, für einen Versuch die Kraft aufzubringen.

      Ich hoffe sehr, dass es mir in Bezug auf meine eigenen Kinder gelingt, dass es nie zu solchen Brüchen kommen wird. Daran lohnt es Tag für Tag zu arbeiten.

      • Hallo Hannes.
        Ich denke, dass du mit diesem Text, mit deiner Auseinandersetzung mit all dem beständig dafür arbeitest, dass es dir für deine eigenen Kinder GELINGEN WIRD, dass solche Brüche nicht stattfinden werden und dass die alten Brüche, unter denen du so elend gelitten hast, ihre Macht verlieren.
        Das ist toll :-) und immer wieder einer Wertschätzung wert!

  15. Wow. Ein toller und mutiger Text.
    Auch wenn es bei uns nicht so arge Ausmaße annahm wie Du sie beschreibst („nur“ hin und wieder eine „Watschn“………….. und sehr sehr viel Anschreien) – doch, es hat geschadet!! Wenn ich mir heute klar mache, wie oft die Geschwister und ich noch jahrelang (und heute noch) „kuschten“ bzw Angst hatten, Dinge zu erzählen, die schief gingen, die „nicht rechtens“ waren, die vielleicht unerwünscht/anders als „normal“ sein könnten…. und das lange, nachdem wir schon mehr oder weniger selbständig und erwachsen waren.
    Ich habe das Gefühl, erst jetzt, nachdem wir alle schon lange erfolgreich im Berufsleben stehen und teilweise Familien gegründet haben, können wir (indirekt, wir haben es alle nicht so mit Disharmonie und Konfrontation) einiges aufarbeiten und hinter uns lassen. Bei mir vor allem, indem ich SEHR deutlich klar mache, daß der Umgang mit meinen Kindern von den Werten des Attachment Parenting geprägt ist und die Methoden „von früher“ nichts in meiner Familie verloren haben. Auch wenn ich teilweise hart an mir arbeiten muß, weil ich merke, daß ich Verhaltensweisen, die ich abbekommen habe, selbst fast an den Tag lege. Da kommen manchmal einfach Sachen hoch, die mich im Bruchteil einer Sekunde zu jemanden werden lassen, der ich niemals sein wollte. Das dann zu unterdrücken ist soooo schwer. Dafür hasse ich, was man „damals“ mit mir gemacht hat. Aber ich weiß, daß ich es ändern kann.
    Ich möchte nie nie nie, daß meine Kinder Angst haben, mir etwas zu erzählen, weil sie denken müssen, es gäbe Ärger, Strafen oder gar Gewalt. NIE!

  16. Pingback: Citizenfour – Auf der Suche nach Vorbildern | Wünschen. Wollen. Tun.

  17. Vielen Dank für die wahren Worte.
    Ich lebe jeden Tag mit den Erinnerungen an meine Kindheit und muss jeden Tag aufs Neue dagegen ankämpfen nicht mehr Teil dieser endlos Spirale zu werden. Ich will nicht so sein und hoffe, dass ich es schaffe niemals so zu werden. Es ist ein harter und langer Weg den ich zu gehen habe, aber ich bin der festen Überzeugung, dass ich es, mit professioneller Hilfe, schaffen werde.
    Denn das ist auch wichtig! Sich Hilfe suchen und einzugestehen, dass man an einem Punkt ist dessen weitere Überschreitung nur noch mehr Unheil bringt und nicht mehr einfach mal eben so ungeschehen wird.
    Vielen Dank und alles Gute weiterhin

  18. Pingback: Cry with me Bloggeria! - Mein Rückblick auf 2014 - Mama notes

  19. Gänsehaut.
    Ich hab den Text von Béa gelesen und sofort geschrieben. Ich hab geschrieben und geschrieben. Ich hab gefühlt und geatmet und mich an das Luftholen dabei erinnert. Der Text liegt noch immer fast fertig zwischen meinen Entwürfen und doch wird er die Leserschaft wohl niemals erreichen.
    ich halte es noch immer für einen interessanten Aspekt auf der Sicht eines Kindes zu berichten, was alles andere als gewaltfrei erzogen wurde – aber aus Respekt und aus Angst und aus Scharm bleibt der Text bei mir. Er wird niemals aus feiersun.de veröffentlicht werden weil weil ich mich verdammt nochmal einfach nicht traue… leider…. Danke das Du den Mut hattest!!!
    Liebste Grüße
    JesSi Ca

    • Wie ich bei Bea schon schrieb, ich bin immer wieder in Versuchung, den Text wieder offline zu nehmen. Doch irgendwie fühle ich mich durch die enorme Resonanz mittlerweile verpflichtet, ihn stehen zu lassen. Als Ermunterung für alle, denen ähnliches oder noch viel gravierenderes passiert ist als mir, und als Mahnung für uns alle, uns immer wieder bewusst zu machen, wie schmal der Grat ist, das Band des Urvertrauens zu zerschneiden. Danke für Deine lieben Worte.

  20. Huch….
    nun hast du mich mitten ins Herz getroffen.
    Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass ich bei meiner kleinen Maus nie dieses Band des Vertrauens Kappe. Denn meine Mutter hat das schon sehr früh bei mir getan und dein Bericht hier hat mir das wieder knallhart vor Augen geführt. Und auch, wie groß meineAngst ist, dass ich diese Fehler selbst nicht vermeiden kann, einfach, weil ichs nicht anders kenne.
    Respekt für den Mut, das so zu schreiben!!
    die Lila

    • Wir alle sind nicht davor gefeit, Fehler zu machen. Mitunter gar dieselben, die uns wiederfahren sind. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass ein Bewusstsein für diese Gefahr und eine bewusste Reflexion gute Wege sind, dem vozubeugen. Danke für Deinen Kommentar.

  21. Und wie es mir geschadet hat :( die behandelten Ärzte glauben, daß ich genau wegen der massiven Gewalt & Ablehnung an Borderline erkrankt bin. Manchmal sehe ich mich als doppelt bestraft.. Auf der einen Seite raus aus der Hölle der Kindheit, indem anderen Moment in die nächste innerliche rein. Hatte solch ein Glück mit 15 dann in ein Heim gekommen zu sein. Auch wenn es danach mit etlichen Klinischen Aufenthalten weiter ging. Nichts bearbeitet, immer noch in Behandlung. Ich versuche immer noch meiner Mutter nur im geringsten was zu bedeuten. Fehlanzeige. Auch wenn ich ihr vergeben habe (was sehr wichtig ist um später damit mal abschließen zu können), vergessen werde ich die Schreie meiner Schwester und den Schmerz, die Scham & diese endlose Angst NIEMALS!! Ich bin selber Mutter eines Sohnes. Und auch wenn er manchmal Anstrengend ist, ich würde ihn nicht anfassen. Es ist einfach nur Feige, Ekelhaft…

  22. neben diesem satz gibts auch so ganz viel andere dinge, dieses „was wärst du heute überhaupt ohne mich“ oder „wenn du wüsstest wie du warst“ „du wolltest es nicht anders“ „du hast das doch genossen“ „du hast darum gebettelt“

    tatsächlich wurde ich so oft geprügelt daß ich irgendwann dazu überging mich bei versagen, also wenn etwas nicht geklappt hat, selbst zu bestrafen in dem ich mit dem kopf gegen die wand schlug oder mich mit dem feuerzeug verbrannte. alles, damit meine mutter mich lieb hat, damit ich ihr gefalle.

    ganz schlimm find ich wenn sie sich jetzt auf die schulter klopft weil sie wirklich der meinung ist daß sie mich geformt hat. die wahrheit ist daß ich immer noch daran arbeiten muss meine vergangenheit abzuschütteln und mit ihr irgendwann mal frieden zu schliessen.

    ich bin 35 und würde immer noch am liebsten ihren kopf in einen schraubstock einspannen. das kann glaub ich niemand mehr wegtherapieren.

  23. Pingback: WDR5, wisst Ihr, was Ihr da macht?! | the last voice

Kommentar verfassen