Empörungsfasten :: Ignoranz kann auch gesund sein

Empoerungsfasten class=Als ich gestern Morgen den Lokalteil der hiesigen Regionalzeitung durchblätterte, sprang es mich von allen Seiten an. Empörung hier, Aufregung dort, Bürgerinitiative anderswo. Die Ursachen mal lächerlich, mal nachvollziehbar. Als emotionaler Knochen, der ich bin, merkte ich, wie schon zu so früher Stunde meine Aldern pulsten und mein Blutdruck stieg. Oder anders gesagt, ich empörte mich innerlich über die Empörten.

Und es ging über den Tag munter so weiter. Berufsbedingt bewege ich mich viel im Netz. Und im Netz gibt es eine Währung. Keine virtuelle, sondern eine ganz reale. Sie heißt Aufmerksamkeit. Nur, wer am Ende möglichst viele Lesende oder Kommentierende auf sich vereint, ist erfolgreich. Und Erfolg wollen wir doch alle irgendwie haben mit dem, was wir hier tun. Was ist also der simpelste Weg, um erfolgreich zu sein, sich einen möglichst großen Teil vom Aufmerksamkeitskuchen abzuschneiden? Nun, da gibt es vor allem zwei viel versprechende Wege.

Der erste Weg ist Humor. Versuche witzig zu sein. Und versuche vor allem, der oder die Erste zu sein, der einen Witz bringt oder ihn entdeckt. Nun sind leider die wenigsten Menschen unter uns sonderlich humorbegabt, was es für uns oft schwierig macht, diesen Weg zu gehen. Zumindest, wenn er im oben beschriebenen Sinne Erfolg haben soll.

Der zweite Weg ist der vermeintlich einfachere. Es ist der Weg der Empörung, der Aufregung. Schnell ist irgendwo ein in der eigenen Zielgruppe mehrheitsfähiges Empörungsthema gefunden. Es gibt vermeintlich seriöse Quellen? Wir haben auch eine Meinung dazu? Prima. Dann nichts wie ran an die Tastatur uns los geht der Rant. Wir orientieren uns dabei oft an Medien, die den selben Mechanismen unterliegen, wie unsere eigene Netzkommumikation. Die auch um Aufmerksamkeit buhlen und deren Quotenerfolge existenziell sind. Nur in den seltensten Fällen sind wir in der Lage oder machen uns die Mühe, selbst fundiert zu recherchieren.

Und so setzt sie sich in Gang, die unselige Empörungsspirale. Immer schneller füllen sich die Timelines der Netzwerke mit Empörungspostings. Immer flotter dreht sich die „Like- und Kommentierungsmaschinerie“.

Egal, ob es nun Preisträgerinnen sind, die sich in öffentlichen Reden zur Reproduktionsmedizin äußern oder Schriftsteller, die uns auffordern, unsere Smartphones wegzuwerfen. Wir stürzen uns auf sie, zerfleddern sie ein bis zwei Tage und ziehen dann wie die Geier weiter zum nächsten ausgemachten Aas. So funktioniert er, der zweite Weg. Dabei betanken wir dann selbst munter die Aufmerksamkeitsmaschinen, auf denen Typen wie Sarrazin, Matussek und Konsorten fröhlich und „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ vor sich hin brummelnd durch die Lande ziehen.

Gestern Abend saß ich auf dem Sofa und ließ meinen Tag Revue passieren. Und auf einmal fiel mir auf, wieviel Energie und Zeit ich selbst in den Konsum von oder gar in die Beteiligung an diesen Empörungsthemen gesteckt habe. Energie, die mir am Ende anderswo fehlt und die mich am Ende frustriert und krank macht.

Und so habe ich für mich entschieden, bewusster hinzuschauen, wählerischer zu sein, stärker zu priorisieren. Themen auch mal bewusst auszublenden, auch wenn es in Hirn und Fingern juckt. Wir stehen am Beginn der Fastenzeit. Und zum ersten Mal seit Jahren habe ich mir sogar wieder etwas vorgenommen. Was ganz Banales, das nicht der Rede wert ist. Aber gestern Abend kam dann ein weiterer Vorsatz für die noch verbleibenden sieben Wochen hinzu. Ich nenne ihn Empörungsfasten. Einfach mal weniger aufregen, gelassener werden, Milde walten lassen, ignoranter werden und die eigene Aufregung am Ende auf die Themen zu konzentrieren, die es wirklich wert sind und die ich am Ende auch enigermaßen fundiert beurteilen kann.

Ich glaube, meiner Gesundheit und meinem seelischen Gleichgewicht wird das gut tun. Und die verbale Umweltverschmutzung wird vielleicht ein klein wenig reduziert.

Seid Ihr dabei?

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11 schräge Töne zu “Empörungsfasten :: Ignoranz kann auch gesund sein

  1. Als Mantra beim Lesen empörungsauslösender Texte mag da die Formel „Ja, und?“ helfen. Habe mit dem Murmeln derselben schon gute Erfahrungen gemacht.

  2. Danke für den Text!!!! (Und viele andere!!!!)

    Sehr guter Vorsatz!!!! Passt zu dem kurzen Artikel, den ich heute in der Zeitung las, der aber online nicht verfügbar ist. Dafür hier ein etwas älterer aus einer anderen Region. http://www.shz.de/lokales/eckernfoerder-zeitung/weniger-meckern-mehr-wertschaetzen-id3309706.html

    Ich finde das eine sehr gute Idee, sich mecker- oder empörungsfreie Zonen zu schaffen…. Vielleicht wird die Welt dadurch doch ein bisschen positiver…. Tut uns allen gut!!!

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  7. Oh, wie aktuell der Beitrag noch ist, fast als ob 12 Stunden und nicht 12 Monate vergangen wären.
    Bei uns war gerade das Auseinandersetzen mit Aufreger-Dinge ein Thema, sind sie wirklich und wie schwer empörensWERT.
    Dann mal auf ins neue Empörungsfasten und ran an die Geduld.

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