Hebammen :: Wenn Wertschätzung versagt bleibt

Baby

Ich bin wütend. Sehr wütend. Und was noch schlimmer ist, diese Wut wird seit Tagen nicht weniger. Ganz im Gegenteil.

Worüber ich wütend bin, geht aus der Überschrift dieses Artikels hervor. Es geht um den Berufsstand der Hebamme, die gesellschaftliche Wertschätzung, die ihnen entgegen gebracht wird und darum, dass Frauen die Wahlmöglichkeit genommen wird, wie und wo sie ihre Kinder zur Welt bringen.

Hintergrund ist die Tatsache, dass es ab Mitte des kommenden Jahres keine Möglichkeit mehr für Hebammen geben wird, eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschließen. Es wird kein entsprechendes Angebot mehr geben, da den bisherigen Versicherungsgesellschaften das Risiko schlichtweg zu hoch ist. Es ist das traurige Ende einer Entwicklung, die sich schon seit Jahren abzeichnete. Die Prämien der Haftpflichtversicherungen waren in den letzten Jahren geradezu explodiert. Nur Hebammen mit vielen Geburten, konnten sich eine solche Versicherung überhaupt noch leisten (fundierte Zahlen dazu gibt es hier).

Ich bin in meinem Leben zweimal Vater geworden. Und ich weiß um die enorme Bedeutung, die Hebammen vor und nach der Geburt für Familien haben. Ich spreche bewusst von Familien, weil mir gar nicht behagt, dass die Diskussion nur auf Frauen eingegrenzt wird. Natürlich sind Hebammen wichtige und aus meiner Sicht unerlässliche Begleiterinnen für gebärende Frauen. Aber sie sind auch für die Neugeborenen wichtig und nehmen auch den werdenden oder gerade gewordenen Vätern ihre Ängste und begleiten diese.

Bei der Geburt unseres Juniors hat uns unsere Hebamme noch als Beleghebamme in die Klinik begleitet. Sie hat dort rund 48 Stunden mit uns gearbeitet, unterbrochen nur von wenigen Stunden Schlaf, für den Sie nach Hause zu ihrem Mann und ihren drei Kindern gefahren war. Für diese mehr als 40 Stunden hat sie eine Fallpauschale von weniger als 300 Euro erhalten. Rechnet man das mal runter, ergibt sich ein Stundenlohn, der unterhalb des derzeit diskutierten gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro liegt. (EDIT: In den Kommentaren findet sich ein Hinweis, dass die Vergütung wohl etwas höher ist.) Und das für eine schwere, verantwortungsvolle Arbeit, für die es eine gute Ausbildung und viel Erfahrung braucht. Und da beginnt sie, meine Wut. Denn diese Entlohnung ist ein Frechheit. Sie gibt nicht ansatzweise den Wert der Leistung wieder, die Hebammen vollbringen. Kurz gesagt, ihnen bleibt die Wertschätzung komplett versagt.

Doch die Wut geht noch weiter. Bei der Geburt unserer Tochter konnten wir die Dienste unserer Hebamme leider nur noch für die Vor- und Nachsorge in Anspruch nehmen, da sie aufgrund der gestiegenen Haftpflichtprämien keine Geburten mehr macht. Aufgrund ihrer familiären Situation, kann sie nur wenige Geburten im Jahr betreuen. Bei einer Haftpflichtversicherungsprämie in Höhe von mittlerweile 5.000 Euro pro Jahr würde sie mindestens ein halbes Jahr arbeiten müssen, nur um dieses Geld wieder zu verdienen. Dazu ist sie – nachvollziehbarerweise – nicht bereit. Und mit ihr viele andere Hebammen auch nicht. Das heißt, das Angebot für werdende Eltern, sich bei der Geburt von freien Hebammen oder Beleghebammen begleiten zu lassen, wird immer kleiner. In manchen Regionen gibt es mittlerweile weder Geburtshäuser noch freie Hebammen.

Neben der mangelnden Wertschätzung für die Hebammen, ist dies auch eine mangelnde Wertschätzung derer, die sich dazu entscheiden, Kinder zu bekommen. In erster Linie natürlich schwangere und gebärende Frauen. Ihnen wird eine wichtige Wahlmöglichkeit, wie sie ihre Kinder zur Welt bringen möchten, entzogen und über kurz oder lang wird es keine Menschen mehr geben, die diesen wunderbaren Beruf erlernen wollen. Eltern, Mütter wie Väter gleichermaßen, werden in einer sehr wichtigen Lebensphase allein gelassen und können nicht mehr auf den wichtigen Rat und die wertvolle Erfahrung von Hebammen zurückgreifen.

Als ich vor einigen Tagen, via twitter auf die Thematik und eine Online-Petition verwies, wurde ich – interessanterweise ausschließlich von Männern – mit bisweilen kruden Gegenargumenten konfrontiert. Ein Argument war, dass man doch „den Markt“ die Sache regeln lassen solle. Offensichtlich gebe es keinen „Markt“ für Hebammenleistungen, also wäre es nur konsequent, wenn diese irgendwann verschwinden würden. Ein Vergleich ging sogar so weit, zu behaupten, bei Hebammen betreuten Geburten handele es sich um Hummer, und Klinik-Geburten seinen eben Mc Donalds. Und Hummer für alle sei gesellschaftlich nunmal nicht machbar. Denkt man das nun konsequent zu Ende, wäre die Betreuung durch Hebammen ein Privileg reicher Menschen. Zwei-Klassen-Medizin auch hier also.

Ich bin explizit der Meinung, dass man Kinderkriegen nun wirklich nicht den Mechanismen des freien Marktes unterwerfen sollte. Wie gut „freie“ Märkte funktionieren, hat uns die Finanzkrise ja deutlich vor Augen geführt. Mit dem gravierenden Unterschied, dass hier der Staat bereit war, beim Versagen dieser Märkte mit aberwitzigen Milliardenbeträgen einzuspringen, um systemrelevante Institute vor dem Niedergang zu bewahren. Offensichtlich hat die freie Wahl der Geburtshilfe sowie deren Berufsausübung keine Systemrelevanz. Spannend, gerade in einer Gesellschaft, in der ständig beklagt wird, dass zu wenig Kinder geboren werden.

Ich bin der Meinung, dass Hebammen für ihre Leistungen angemessen und fair entlohnt, und nicht mit lächerlichen Fallpauschalen abgespeist werden müssen. Ein Problem, das durchaus auch für viele andere soziale Berufe zutrifft. Zudem bin ich der Meinung, dass die Haftpflichtprämien gedeckelt werden sollten und Schadenssummen, die nicht durch die Versicherungen abgedeckt werden können, von einem steuerfinanzierten Fonds übernommen werden sollten. Sicher gäbe es auch zahlreiche andere denkbare Lösungen.

Fest steht, es braucht Lösungen. Und es braucht Protest. Online UND auf der Straße. Ich wünsche mir, dass wir alle uns solidarisch zeigen. Ob wir nun unmittelbar betroffen sind, oder nicht. Die Hebammen haben keine Lobby. Sie brauchen uns. Also sollten wir sie nicht im Stich lassen.

Hier findet Ihr ein paar weiterführende Links:

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60 schräge Töne zu “Hebammen :: Wenn Wertschätzung versagt bleibt

  1. Super Artikel! Nur nebenbei bemerkt werden klinische Geburten auch durch Hebammen betreut, die ihre Sache gut und mit Herzblut machen. Der Vergleich mit Hummer und McDonalds hinkt also allemal! Dass Hebammen keine Lobby haben ist ist in der Tat sowohl traurig als auch wunderlich, dann bis dato hatte wirklich JEDER schon mal ihre Dienste in Anspruch genommen. Wenn nicht beim gebären, dann beim geboren werden, sollte das nicht Grund genug sein?!

    • Danke. Und ja, die klinischen Hebammen sollten die selbe Wertschätzung genießen. Es ist ja erst vier Wochen her, dass wir ihr Engagement live erleben durften. Und wir sind sehr, sehr gut betreut worden.

      • Lieber Hannes,

        dieser fantastische Artikel wäre eine wunderbare Orientierungshilfe für viele ausländische Freunde, die auch die Petition unterschreiben würden … wenn sie sie denn verstehen könnten. Die Petitionsausgeberin habe ich bereits um Übersetzung gebeten. DIch bitte ich auch.

        Ich habe Midwives International angeschrieben, die texanischen Hebammen und die aus England. Habe jeweils den Link zur Seite Hebammenunterstützung.org gepostet, wo in Englisch „über uns“ steht. Diese Seite habe ich auch so ungefähr in jeder grösseren Gruppe gepostet. Leider kenn ich nicht viel mehr „englisches Material“.

    • Hallo Nele, leider hinkt der Vergleich mit Hummer und McDonalds nicht ganz so, denn auch die Hebammen in den KKH haben zusätzlich noch eine Haftpflicht, da die Versicherungssumme mit der das KKH sie versichert in den meisten Fällen nicht ausreicht. Denn sollten es zum Schadensfall kommen. haften sie mit ihrem Privatvermögen. Was DAS zur Folge hat? Ganz einfach, wenn es keine Versicherung mehr für Hebammen gibt, gibt es auch niemanden der die Hebammen in den KKH versichern kann, das wiederrum führt dazu das auch da keine Hebammen mehr arbeiten werden bzw dürfen (OHNE Haftpflicht darf die Hebamme nicht arbeiten). „Lustigerweise“ steht aber im Gesetz, dass zu JEDER Geburt eine Hebamme gerufen werden MUSS!! Ein Padadoxon, auf das ich gespannt bin, wie es gelöst werden soll. Gesetz umschreiben? Oder etwas für den Berufsstand tun?

      Ansonsten ein wunderbarer Artikel bei dem es mich umsomehr freut es von einem Mann zu lesen. Allerdings muss ich anmerken, dass die Nürnberger Versicherung (die nun aussteigt) erst zum Sommer NÄCHSTEN Jahres die Versicherung einstellt. Somit bleibt also etwas mehr als ein Jahr die Problematik zu lösen. Nur ist die Frage, warten die Hebammen bis Ultimo, oder ziehen sich viele noch schneller zurück, um nicht von einem Tag auf den nächsten ohne Versorgung dazustehen?!

      In diesem Sinne, vielen Dank für diesen tollen Artikel, ich würde mir wünschen mehr davon zu lesen.

      • Stimmt nicht ganz. Denn eine Lösung muss spätestens bis November her. Eine Schwangerschaft dauert nun einmal vierzig Wochen und die Frauen sollten doch vorher schon wissen, ob sie überhaupt noch entbinden dürfen. :-) Danke für diesen Artikel.

      • Mich würde wirklich sehr interessieren wie Ärzte im KKH denn eigentlich abgesichert sind? Haben die auch alle eine zusätzliche Haftpflichtversicherung und haften mit ihrem Privatvermögen? Oder ist das bei denen einfach nicht so dramatisch weil sie viel mehr verdienen? Und wieso steigen die Versicherungen dann nur bei den Hebammen aus? Bei Ärzten gibt es doch bestimmt viel häufiger Schadenersatzforderungen, oder?

        • Ich las irgendwo, dass es auch für Ärzte wohl schwerer wird, eine Versicherung zu finden.

          @Hannes:
          Danke für den Artikel aus Sicht eines Mannes.
          Meine beiden Kinder kamen außerklinisch zur Welt. Ohne Hebamme hätt ich schön blöd dagestanden. Auch in der Nachsorge war sie wertvoll.
          Vorsorge hatte ich in der zweiten Schwangerschaft ausschließlich durch Hebammen.

    • Finde es toll, dass ein Mann hier eindeutig Stellung bezieht. Hebammen wurden übrigens zu allen Zeiten kritisch gesehen und sogar verfolgt. Vielleicht, weil ihnen unterstellt wurde, wer neues Leben auf die Welt bringen kann, kann es auch verhindern. Aus dem Zeitalter sollten wir jedoch endlich herausgewachsen sein.

      Gerade wo unser Staat soviel Wert auf Kinder legt, sollte er nicht nur bei Elterngeld und Mütterrente regelnd eingreifen, sondern auch eine Haftpflichtversicherung für Hebammen ermöglichen.

      Liebe Eltern, Großeltern und alle, die es noch werden wollen, kämpft dafür.

      Ich selbst habe keine Kinder, sehe das, was da gerade passiert, als eine große Schande für unsere Gesellschaft und werde den „Kampf“ mit meinen Möglichkeiten unterstützten.

  2. Vielen Dank für diese schönen Worte! Setzt so gut zu lesen, dass immer mehr Eltern uns unterstützen! Bitte lasst nicht nach und kämpft weiter!
    Liebe Nelly, ich arbeite zu 80% angestellt in einer Klinik und versuche jeden Dienst aufs neue, die werdenden Familien gut zu betreuen. Leider habe ich oft das Gefühl, dass wir immer als die „schlechten“Hebammen gesehen werden, die sich nicht gut kümmern etc. Das tut weh, denn oft sind einfach die Umstände am Arbeitsplatz Schuld, weswegen wir keine 1:1 Betreuung gewährleisten können und das tut mir jedes Mal im Herzen weh! Daher vielen Dank für deine Worte zu diesem schlechten Vergleich (Hummer- McDonalds)!

  3. Und das mit der Wertschätzung geht’s ja dann noch weiter – überlegt mal was eine Erzieherin verdient. Kinder sind bei uns nicht willkommen! Oder?

    • Ich habe das bewusst auf soziale Berufe insgesamt ausgeweitet. Wertschätzung ist sicher kein isoliertes Habammen-Thema, aber es wird hier einfach gerade sehr, sehr offensichtlich.

  4. Ich arbeite seit 18 Jahren im Kreißsaal einer Klinik, wo ich versuche, jeder Gebärenden, die ich in meiner Schicht betreue – oft mehrere gleichzeitig (und ja, das finde ich auch nicht schön, aber so ist der Kliniksalltag) – die größtmögliche Aufmerksamkeit und Fürsorge zukommen zu lassen, die ich irgendwie bewerkstelligen kann. Oft bleibt man unbezahlt länger, um der werdenden Mutter nicht noch kurz vor der Geburt des Kindes einen Betreuungswechsel zuzumuten. Das als McDonalds zu bezeichnen ist schon ein starkes Stück…

    • Das ist es. Und ich kann aufgrund unserer eigenen noch ganz frischen Erfahrung sagen, dass auch die Hebammen in den Kliniken sehr engagiert und liebevoll arbeiten. Stellvertretend hier vielen Dank dafür!

  5. Pingback: Der böse Metaller! ;) » Wütende Väter.

  6. Wunderbar geschrieben und auf den Punkt gebracht. Schlimm ist doch, daß fast jeder Bereich des Lebens dem Diktat des „freien Marktes“ und des Controlings unterworfen wird… eine so getaktete Gesellschaft graust mir! Es gibt eben viele Lebensbereiche, da kann man eben nicht immer jedes „Lohnen“ mit direktem Geldvorteil vergleichen, sondern manchmal liegt das Lohnen eben im gesellschaftlichen Kitt (ohne jetzt völlig alles Geld aus dem Fenster zu schmeißen, aber davon sind wir bei Hebammen ja weit entfernt). DAS müssen wir wieder uns mehr vor Augen führen.

    • Du kannst doch jederzeit Deiner Hebamme mehr Geld geben wenn Du willst. Hast Du das getan, oder sind das nur leere Worte die Du hier von Dir gibst? Ich finde auch Hebammen sollten mehr verdienen, aber das Geld muss irgendwoher kommen.

      • Björn, es geht nicht darum, ob ich etwas bezahlen will oder nicht. Es geht um das Solidarprinzip. Ob ich mir eine Hebamme leisten kann, darf doch nicht davon abhängig sein, dass ich persönlich finanzkräftig genug bin. Auch eine Familie, die von Hartz IV leben muss, soll sich eine Hebamme „leisten“ können. Das ist meines Erachtens eine gesellschaftliche Aufgabe. Ich persönlich zahle dafür gerne Steuern und Sozialabgaben.

  7. Danke für diesen tollen Text! Ich werde im September mit meiner Ausbildung zur Hebamme fertig sein und möchte auf jeden Fall ins Geburtshaus!
    Die Frage ist nur ob ich da so lange arbeiten kann! Ich will jedoch unter keinen Umständen in die Klinik gehen!
    Die Prioritäten dieser Gesellschaft liegen leider bei völlig falschen Dingen!es geht nurnoch um Geld und nichtmehr um den Mensch,Ethik und Moral!das macht mich sehr traurig!
    umsomehr freue ich mich über Menschrn wie hier!die sich für uns einsetzen und die Dringlichkeit erkennen!
    Vielen dank für eure Unterstützung!
    Und der Vergleich Hummer und Mc Donalds stimmt schon nur auf ne andere Art und Weise:)
    Hummer bedeutet bessere Betreuung:) die 1:1 oder auch 1:2 betreuung!das kann eine klinik kaum leisten! Ich selber bin immer wieder schockiert wie wenig zeit wir für die werdenden eltern haben in der klinik und wie viel glück wir haben dass so selten etwas passiert,da wir einfach so viele frauen auf einmal betreuen müssen!die klinik sieht aber eben nur „dollarzeichen“ … ein grosses problem ist auch dass den paaren bei infoabenden ganz andere dinge gesagt und erzählt werden,die gar nicht machbar sind in der klinik. Nicht jeder kann und ist der typ für eine ausserklinische geburt das ist klar und darum ist es gut dass es kliniken gibt, aber viel mehr könnten ausserklinisch ihr ki d zu welt bringen und hätten dadurch ein schöneres geburtserlebnis!und die kinder einen besseren start ins leben,und es gäbe weniger traumatisierte männer. Aber die macht von ärzten schwangeren angst zu machen ist riesengross! So viele schwangere werden leider wirklich belogen damit ärzte geld verdienen! Ich bin zum Teil schockiert über niedergelassene frauenärzte und deren absprachen untereinander!
    Es gibt bestimmt auch solche hebammen aber die simd mit sicherheit vieeeel seltener und die machen das dann weil sie überleben müssen!

  8. Danke für Deine Worte! Gerade von Männern höre ich bislang wenig zum Thema.
    Dabei geht es um uns alle: Mütter, Väter, Kinder.

    Wir dürfen nicht nachlassen, die Demo in Hamburg war schonmal ein Anfang:

    http://berlinerluftinhamburg.blogspot.de/2014/02/nicht-ohne-meine-hebamme.html

    Und selbstverständlich geben alle Hebammen ihr Bestes, besonders in der Klinik. Ich weiß von vielen, dass es sie schier zerreißt, Familien unter diesen Umständen betreuen zu müssen.

  9. Lieber Hannes,
    Du schriebst: „Offensichtlich hat die freie Wahl der Geburtshilfe sowie deren Berufsausübung keine Systemrelevanz.“ Und ob! Andersrum wird ein Schuh draus: Es hat Systemrelevanz, Schwangerschaft und Geburt medizinisch unter Kontrolle zu bringen und bindungsgestörte Nachkommen zu erzeugen. Nur so kann der Kapitalismus aufrecht erhalten werden, wo exzessiver Konsum die existenzielle Leere kompensieren muss, die durch fehlende Liebeserfahrung am Lebensbeginn und lieblosen Empfang bei der Geburt tief eingeprägt werden.

    • Nun, ob klinische Geburten bindungsgestörte Nachkommen erzeugen, halte ich für eine sehr gewagte These, der ich auch aus eigener Erfahrung vehement widersprechen möchte. Die Aussage diskreditiert nicht nur die Entscheidung von Frauen, die sich für eine Geburt in Kliniken entscheiden oder entschieden haben, sondern sie wertet auch die wichtige und wertvolle Arbeit von Hebammen in Kliniken ab. Das würde ich so nicht stehen lassen. Die Ansicht, dass die Einschränkung der Wahlmöglichkeit systemisch gewollt ist, teile ich allerdings auch.

  10. Ich habe 32 Jahre in einem Krankenhaus mit Beleghebammen als (Kinder)Krankenschwester(frühere Berufsbezeichnung)gerne zusammen gearbeitet. Für mich ist es unvorstellbar, dass diese guten Geister nicht mehr arbeiten können aus finanziellen Gründen. Es ist sehr schlimm für die werdenden Familien.
    Wie kinderfeindlich wird unser Land denn noch, wenn nicht einmal mehr eine kompetente Hebamme arbeiten kann. Es sollte wenigstens gewährleistet sein, das jedes Kind in unserem Land, unter den besten Bedingungen das erste Licht der Welt erblickt. Also, lasst es niemals zu, dass dieser Berufsstand nicht mehr bestehen kann. Gerade hier im ländlichen Raum brauchen wir freiberufliche Hebammen.

  11. Sei mir nicht böse, aber du wirfst da ein paar Dinge durcheinander. Es geht gar nicht um Hebammen, sondern um freie Hebammen. Kinder werden nach wie vor von Hebammen in die Welt begleitet – im Kreißsaal halt und in den Kliniken, aber eben doch von Hebammen. Der ganze Hebammenprotest zielt folglich nicht auf den Erhalt des HebammenBERUFES, sondern auf den Erhalt eines STANDES: Dem der freien Hebammen. Und gerade in diesem Zusammenhang sollte man erwähnen, dass immer mehr Kliniken ihre Entbindungsstationen in Richtung „frauenzentrierte Kreißsääle“ weiter entwickeln. Die Geburten wurden immer schon von Hebammen geleitet, selbstverständlich auch in den Kreißsäälen, das war doch noch nie das Problem, sondern die Klinikhierarchie! Und natürlich das Vertragssystem – aber das führt uns jetzt zu weit weg vom Punkt.

    Und was du so gar nicht erwähnst, ist, dass das Gros der freien Hebammen nicht am Markt scheitert, sondern daran, dass die einzelnen werdenden Mütter schlicht nicht bereit sind, aus eigener Tasche aufzuzahlen – was doch das wäre, was du einforderst, nicht wahr? Die Anerkennung … denn reines Schulterklopfen machte ja niemanden satt … Magst Recht haben, dass es sich im Ergebnis um eine Zwei-Klassen-Sache handelt (den Begriff „Medizin“ wollen wir hier doch tunlichst weglassen, nicht wahr?), aber was du forderst ist wenigstens merkwürdig: Da die einzelnen Frauen nicht bereit sind, aufzuzahlen, dann, verdammt noch mal, sollen halt alle zusammenlegen … weil? Das hätte sich alles mit einer einfachen Finanzierung erledigen lassen – so man das hätte wollen, beispielsweise in dem man die Bezahlung der Extraleistungen auslagert. Es ist halt nur so, dass es den meisten Frauen nicht plausibel erscheint, warum sie einen Extra-Beitrag zum Krankenkassenbeitrag leisten sollten – und es vielen Hebammen an der Fähigkeit fehlt, für Ihr bestes Angebot einzustehen und es abzuverlangen!

    Mag sein, dass weder dir noch mir „schmeckt“, das fast 95% der werdenden Mütter ihr Kind in einer Klinik zur Welt bringen WOLLEN – Ist das kein Plebiszit? Nein? Und in diesem Zusammenhang erscheint mir das Argument, „die Freiheit der Wahl des Geburtsortes“ als seltsames Geplärre einer Handvoll ewig Gestriger … :-/

    Es ist ziemlich einfach, persönliche Bedürfnisse mit allgemeinem Interesse zu verwechseln – aber da selbst ihr, deine Frau und du, auf eine Hausgeburt verzichtet habt, ihr euch also für eine Klinik und deren AGB entschieden habt – kann ich nicht nachvollziehen, wo deine Wut herkommt! Gelten in deinem Leben vertragliche Regelungen nicht? Hattet ihr nicht monatelang Zeit, euch anders zu entscheiden? Ich vermute, ihr habt euch im Vorfeld der Geburt intensiv mit der Wahl des Geburtsortes auseinandergesetzt? Wo also kommt deine Wut dann her? Ihr hättet jetzt gerne bei der Geburt eure Hebamme dabei gehabt – und das hat jetzt nicht funktioniert … und? Das macht dich wütend?

    • Sei mir nicht böse, aber da geht dir einiges durcheinander: es geht um den Hebammen BERUF und nicht nur um die freien Hebammen (die nebenbei auch Hebammen sind und damit ein nicht unerheblicher Teil des Hebammenberufes..) Bei den freiberuflichen tätigen Hebammen wird die Problematik nur ein wenig eher sichtbar, deshalbe stehen sie derzeit im Fokus. Die Hapftpflichtsummen steigen für alle, also auch für die Kolleginnen, die ’nur‘ Vor- und Nachsorgen anbieten und sie steigen auch in den Kliniken. Und damit steigt auch auf Dauer die Wahrscheinlichkeit, für diese keine Versicherer mehr zu finden. Übrigens auch für die Ärzte. Es gibt in Bayern bereits Kliniken, die keinen Versicherer mehr finden und die mit dem Land Bayern „extra‘ Lösungen gefunden haben. Wenn also keine Lösung gefunden wird, so ist absehbar, wie es weiter geht: Es wird keine Versicherungen für geburtshilfliche Dienste mehr geben. Ist Geburtshilfe ein privates Risiko, welches nur von der betreffenden Person (also einer Hebamme bzw. einer Ärztin) getragen werden soll? Oder sind die Geburten von Kinder etwas gesellschaftlich gewolltes, an dem sich die Gesellschaft in irgendeiner Form beteiligen sollte? Es geht also weder um Märkte, noch um Gewinnmaximierung oder sonst irgendetwas, sosndern schlicht um die Frage, welchen Stellenwert die Geburt eines Kindes und damit die Menschen haben, die dabei helfen wollen.
      Wenn nicht alle zusammen überlegen, wie es gehen kann, so werden auf Dauer keine Hebammen, egal ob Klinik oder freiberuflich, egal ob mit Geburten oder ohne, kein ÄrztInnen mehr arbeiten können, dürfen oder wollen.

      • Danke, Martina.

        Raimund, ich verstehe nicht, warum wir den „Medizin“-Begriff außen vorlassen sollten. Warum sollten Frauen einen Extra-Beitrag leisten, nur weil sie zufällig diejenigen sind, die die Kinder bekommen? Diese Diskriminierung wurde zum Glück schon vor ein paar Jahren abgeschafft. Nett, wenn Du es „ewig gestriges Geplärre“ nennst. Auch das ist ja ein Zeichen von Wertschätzung ;-) Meine Frau und ich haben uns in der Tat für eine klinische Geburt entschieden. Die Gründe dafür mag ich nicht öffentlich diskutieren, zumal sie keine Rolle in der Diskussion spielen. Dennoch zeige ich mich solidarisch, weil ich weiß, dass insbesondere in den ländlichen Regionen künftig keinerlei Versorgung mehr gewährleistet ist, weil selbst die Kliniken dort keine Beleghebammen mehr finden werden. Das bedeutet für werdenden Eltern (nochmal, es geht nicht nur um die Frauen), dass sie weite Distanzen zurücklegen müssen, wenn die Geburt ansteht. Geht es da wirklich nur um „persönliche Bedürfnisse“? Wohl kaum.

        • Hannes, wenn du eine Geburt als medizinischen Fall betrachtest, wären nicht Hebammen, sondern Ärzte zuständig. Aber eine Geburt ist kein medizinischer Fall – obwohl viele Gyns das gerne so sehen würden.

          Und doch: Es geht um persönliche Bedürfnisse! Wir alle wählen frei (innerhalb bestehender Gesetze), wo und wie wir leben Das Landleben hat seine Vorteile, aber eben auch seine Nachteile. Ich verstehe das, ich wohne selbst auf dem Land. Es ist ein Preis, den man bezahlen muss, denn mit der Freiheit der Wahl, kommt eben auch die Verantwortung, für diese Wahl einzustehen. Es kann gar nicht sein, dass Wenige das Leben auf dem Land wählen und trotzdem von der Allgemeinheit verlangen, ihnen dabei großstädtischen Komfort bereitzustellen. In einer Demokratie zählen nun mal Mehrheiten – und die Mehrheit wählt eben nicht das Leben auf dem Land …

          Und schließlich: Ob ländliche Kliniken – also die, die überleben werden – tatsächlich keine Beleghebammen finden werden, ist reine Spekulation, eine unbegründete zudem. Warten wir das doch mal ab.

          • Hallo Raimund,

            bei deiner Argumentation beziehst du dich ausschließlich auf den reinen Geburtsvorgang.

            Hebammen leisten allerdings VIEL mehr. Sie sind Ansprechpartner während der gesamten Schwangerschaft und in der Stillzeit. Hast du Kinder und eine Hebamme in der Nachsorge zu Hause gehabt?
            Wer soll das denn in Zukunft leisten, wenn es keine Hebammen mehr gibt? Die paar angestellten Hebammen im Krankenhaus, die jetzt schon völlig überlastet sind? Die schon jetzt hoffnungslos (wegen der Menge der zu betreuenden Kinder) überforderten Kinderärzte? Die Gynäkologen, bei denen du ewig auf einen Termin warten musst?

            „Ob ländliche Kliniken – also die, die überleben werden – tatsächlich keine Beleghebammen finden werden, ist reine Spekulation“ – Ist es nicht – denn ohne Haftpflicht ist es 1.) verboten eine Geburt zu betreuen und 2.) finanzieller Selbstmord für die Hebamme, falls etwas schief geht.

            Grüße
            Matze

      • Ich bin dir nicht böse – warum sollte ich :-)

        Nur, mir geht da gar nix durcheinander. Die Hebammen, die Vor- und Nachsorge betreiben, sind doch auch freie (nicht in Klinken beschäftigte) Hebammen, oder hab ich da was verpasst? Fakt ist, dass normale Entbindungen fast sämtlichst in Kliniken und dort von Hebammen geleitet werden. Ich kann nicht erkennen, wie du hier gleich den ganzen Berufsstand in Gefahr siehst, wo doch praktisch alle Kinder (von operativen Entbindungen abgesehen) von Hebammen „geholt“ werden. Noch …

        Und, ja, es ist wahr, dass Kliniken ihre Probleme haben – viele Kliniken. Aber doch deshalb, weil fast alle Kliniken insgesamt defizitär sind. Die Versicherungsproblematik zielt in diesem Falle doch gar nicht auf das Entbinden an und für sich, sondern auf den Umstand, dass ziemlich viele Kliniken – vor allem im ländlichen Bereich – ganz einfach zu wenige Entbindungen haben. DADURCH – und auch, weil sie entsprechende Innovationen versäumt haben – werden die Entbindungsstationen zu einem leicht zu amputierenden Bereich. Nicht zuletzt auch, weil die dort beschäftigten Hebammen eben nur dort eingesetzt werden können … Hebammen sind ja keine Krankenschwestern. Die Problematik ist also nicht die hohe Versicherungsprämie, sondern die niedrige Geburtenrate in Verbindung mit einem insgesamt zu großem Bettenangebot. Und, ja, das wird vor allem im ländlichen Bereich dazu führen, weitere Wege gehen zu müssen, um sein Kind zur Welt zu bringen. Aber was wäre denn die Alternative? Jetzt schon defizitäre Bereiche noch weiter zu subventionieren? Natürlich die beste Alternative wäre eine Hausgeburt! Sie ist keineswegs mit größeren Risiken behaftet (eher im Gegenteil), wäre zudem billiger. Machen uns ja vor allem die Holländer vor … nur leider spielen da die deutschen Frauen nicht mit … :-/ und schon mal gleich gar nicht die Erstgebärenden.

        Damit wir uns da richtig verstehen: Ich bin ein großer Bewunderer und Freund der Hebammen – nicht ihr Gegner. Nur, so wird das nix! Die Argumentation stimmt einfach nicht! Ich hätte verstanden, wenn der Protest darauf gezielt hätte, alle Kliniken der öffentlichen Hand den Hebammen per Gesetz zu öffnen und dadurch Schwangere tatsächlich wieder „ihre Hebamme“ wählen können, die sie vor, während und nach der Geburt begleitet. Das wäre, nebenbei bemerkt, auch für die Kliniken wirtschaftlicher. Und machbar – wenn auch nicht „einfach so.“ Es hätte noch so manche andere interessante Lösung gegeben, für die zu streiten sich gelohnt hätte, aber der Hebammenprotest zielt unterm Strich nur auf mehr Geld – und das ist mir zu wenig.

        • Hallo Raimund, du hast sicher recht, die sinkenden Geburtenzahlen sind für viele Kliniken ein Problem, aber im Moment und in dieser Diskussion geht es um die -absehbar- nicht mehr existierenden Versicherungen für Hebammen: zur Zeit für die freiberuflichen Kolleginnen, aber perspektivisch für alle Hebamme – und damit eben auch für die Klinikgeburten. Und ohne Versicherung keine Geburtshilfe, weil wir diese nachweisen müssen. Damit ist nicht nur die Geburtshilfe im ländlichen Raum bedroht, sondern insgesamt. Auf lnage Sicht haben die Ärzte übrigens das gleiche Problem…

          Ich hoffe sehr, dass hier eine politische Unterstützung erfolgt, es kann nicht sein, dass dies allein auf den Schultern der Hebammen ausgetragen wird.
          Dass das funktionieren kann, zeigen Häuser z. B. In MÜnschen, wo die Politik mit einspringt..

    • Hm, es geht zwar AUCH um die außerklinische Geburtshilfe, aber bei weitem nicht NUR:

      1. Viele Kliniken haben die Hebammen-Belegung ihrer Kreißsäle quasi „outgesourcet“. Die dort im Schichtdienst arbeitenden Beleghebammen sind auch freiberuflich tätig und nicht Angestellte des Krankenhauses.
      2. Auch im Krankenhaus angestellte Hebammen haben oft eine Haftpflicht-Zusatzversicherung, da die über das Krankenhaus abgedeckten Summen wohl manchmal nicht ausreichen und dann doch die Hebamme mit ihrem Privatvermögen haften würde.
      3. Viele Paare (siehe Artikel) suchen sich vor der Geburt eine Beleghebamme, die mit dem Krankenhaus ihrer Wahl einen Vertrag geschlossen hat und sie zur Geburt dorthin begleitet. Zusammen mit einer vertrauten Hebamme fühlen sich viele Frauen wohler als mit unbekannten, schichtweise wechselnden Hebammen. Luxusproblem? Keineswegs: Wohlfühlen und Entspannung führt nicht nur zu einer schöneren, sondern auch zu einer medizinisch problemloseren Geburt, weniger Interventionen, Komplikationen etc., weniger Kosten im Gesundheitswesen…

      noch etwas:
      Eine außerklinische Geburt kommt die Krankenkassen meines Wissens billiger als die „klassische“ Krankenhausgeburt mit dreitägigem Aufenthalt. Es wäre in diesem Sinne also durchaus sinnvoll für die Allgemeinheit, ambulante und außerklinische Geburten zu fördern.

    • hey, wusstest du das manche krankenhäuser nur mit freiberuflichen hebammen arbeiten? ich frage mich was passiert, wenn die ausfallen, wer wird die pätze abdecken und wer wird die vor-, und nachsorgen anbieten, wenn es keine freiberuflichen hebammen mehr gibt. fest angestellte hebammen werden kaum die zeit haben, geschweige denn dann eine versicherung um die anderen leistungen neben der eigentlichen geburt durchzuführen.

  12. So mal als ganz unbedarfter Mensch in dem Thema: Kann es sein, dass sich hier einige Hebammen darüber aufregen, dass sie nicht mehr 2x im Monat quasi als „Hobby“ diesen Beruf machen können? Der Beruf birgt es hohes Risiko (ähnlich eines Arztes) und diese Risiken müssen ausgeglichen werden. Das ist normal. Wer ein halbes Jahr braucht um 5000 EUR zu erarbeiten (bei den angegebenen 150 Eur / Tag) hat für meine Begriffe ein falsches Verständnis von Beruf.

    Steinigt mich ruhig, falls ich hier komplett daneben liege. Aber ich kann es nicht ganz nachvollziehen warum ca 400 EUR im Monat zu viel sein sollen, wenn man ganz normal arbeitet.

    • Es geht um eine angemessene Vergütung der Arbeit von Hebammen (und anderer Sozialberufe), die am Ende auch die Möglichkeit einschließt, sich eine Haftpflichtversicherung zu leisten. Und es geht darum, dass es künftig erst gar kein Angebot einer solchen Versicherung mehr geben soll. Mein Beispiel einer Hebamme in Teilzeit mag an der Stelle nicht klug gewählt sein, aber an der Grundsatzfrage rüttelt es nicht.

    • Hebammen, die zwei Geburten im Monat machen, haben diesen Beruf nicht als Hobby. Sie arbeiten vollzeit vor allem als Nachsorgehebamme, geben Geburtsvorbereitungs- und Säuglingspflegekurse, führen Vorsorgeuntersuchungen und Rückbildungsgymnastik durch.
      Gelegentlich fragt eine der von ihnen betreuten Frauen nach, ob sie das zweite Kind nicht zuhause mit ihr als Hebamme bekommen können.
      Meine Frau ist in den 90er Jahren so in die Hausgeburtshilfe eingestiegen. Damals lag die Haftpflichtprämie noch bei 360 DM im Jahr; da war so etwas noch möglich, und es gab auch viel mehr Hebammen, die Hausgeburten durchführten und auf die sich das Risiko verteilte.

  13. Der Wert einer Hebamme lässt sich mit Geld gar nicht beziffern. Das Paradoxum ist ja, dass eine Hebamme bei der Geburt dabei sein muss, ein Arzt nicht unbedingt. Da aber die gynokologischen Stationen mehr und mehr geschlossen werden, ist es für werdende Eltern immer schwerer eine passende Klinik zu finden, wenn man das möchte. Genau da schlossen bis jetzt freiberufliche Hebammen die Lücke.
    Für Bewohner der Insel Sylt bedeutet es im Moment, dass man Tage vor dem ausgerechneten Geburtstermin aufs Festland muss, weil es keine Hebamme mehr gibt, die Geburten durchführt. Was für ein Rückschritt auf dem Rücken der Frauen.
    Auch wenn meine Kinder schon erwachsen sind regt mich diese Diskussion ziemlich auf. Eine Bankenrettung ist selbstverständlicher als die Erhaltung eines guten und bewerten medizinischen Dienstes, obwohl doch Kinder unsere Zukunft sind.

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  15. Grundsätzlich scheint es doch einfach: Wenn wir als Gesellschaft wollen, dass die Geburt von Kindern durch qualifizierte Hebammen begleitet wird, dann müssen wir als Gesellschaft dafür sorgen, dass diese Tätigkeit auch entsprechend vergütet und abgesichert wird und die die damit verbundenen Lastent nicht einseitig auf Gebährende oder die Habhammen abgewälzt wird. Das ist genauso wenig eine bloße Frage des Marktes, wie eine Bildung und sonstige Dienste für das Gemeinwesen. Warum speziell nach 2000 die Haftpflichtprämien explodiert sind wäre gesondert zu betrachten. Das kann entweder an vermehrten Schadensfällen oder einer Ausweitung von Haftpflichttabeständen liegen. Wenn eine adäquate Absicherung über private Versicherungsgesellschaften nicht oder nur zu unbezahlbaren Prämien möglich ist, dann muss hier eine öffentlich-rechtliche Absicherung eingerichtet werden, die ggfls. aus Steuermitteln bezuschusst wird. Schließlich haben wir so ein duales System auch in anderen Bereichen. Vielleicht wäre aber auch die Frage der Haftbarkeit an sich kritisch zu überprüfen. Vielleicht wird ja den Hebammen einfach auch durch die Rechtsprechung zu viel Verantwortlichkeit für Komplikationen zugewiesen, die eigentlich anderweitige Ursachen haben?

    • Hallo Ginsberg,

      Du schreibst: „Warum speziell nach 2000 die Haftpflichtprämien explodiert sind wäre gesondert zu betrachten. Das kann entweder an vermehrten Schadensfällen oder einer Ausweitung von Haftpflichttabeständen liegen.“

      Meines Wissens, ich hoffe, ich habe die Zusammenhänge richtig verstanden, liegt es nicht an vermehrten Schadensfällen, zumindest nicht durch vermehrte Schäden bei (außerklinischen) Geburten, auch wenn dies so manchen wundern wird.
      Der springende Punkt ist – zynisch ausgedrückt – der: Die moderne Medizin ist zu gut geworden!
      Oder weniger zynisch: bei der Geburt geschädigte Kinder haben heute eine wesentlich längere Lebenserwartung. Die Therapiemöglichkeiten sind besser, umfassender und entsprechend teurer. Und nicht nur die Therapiekosten müssen getragen werden, dazu kommt beispielsweise auch der Verdienstausfall im Erwachsenenleben. Das geht dann in den Millionenbereich.
      Die Krankenkassen weigern sich, diese Kosten zu tragen und erheben enorme Regressforderungen an die Haftpflichtversicherungen. Und dadurch fängt der Teufelskreis an, sich zu drehen: die Kosten für die Haftpflicht steigen -> die ersten Hebammen packen ein -> die Kosten verteilen sich auf weniger Schultern, die Prämien steigen dadurch weiter -> weitere Hebammen hängen ihre Arbeit an den Nagel -> was die Kosten auf noch weniger Schultern… etc…
      Im Wesentlichen sind wir uns aber einig: den Hebammen muss also geholfen werden.

      Wird diese Todesspirale nicht schnell unterbrochen, indem Hebammen sinnvolle Hilfe zuteil wird, ist meine Zukunftsvision dunkelschwarz…

      • hallo Eve, vielen Dank für deinen Beitrag zum Hintergrund der gestiegenen Prämien. Du schreibst: „Die Therapiemöglichkeiten sind besser, umfassender und entsprechend teurer. Und nicht nur die Therapiekosten müssen getragen werden, dazu kommt beispielsweise auch der Verdienstausfall im Erwachsenenleben.“ Das gilt allerdings für den gesamten medizinischen Betrieb – die Versicherungs-Prämien für medizinische Fachkräfte sind aber nicht überall so extrem gestiegen. Deshalb würde ich da noch ein paar Fragezeichen stehen lassen. Unabhängig davon ist allerdings schon zu hinterfragen, wie stark das Folgekostenrisiko auf diejenigen abgewälzt wird, welche die gesellschaftlich als wertvoll empfundene Arbeit der Geburtsbegleitung und -unterstützung verrichten. Auch wenn ich durchaus ein Freund des Verursacherprinzips bin, scheint mir hier ein angemessenerer Lastenausgleich notwendig. Oliver

  16. Super Artikel der meine Gefühle mit den richtigen Worten beschreibt!
    Der Vergleich „Hummer vs. Mc Donalds“ hinkt nicht nur, er ist kompletter Blödsinn. Wirtschaftlich gesehen spart eine Geburt zu Hause oder im Geburtshaus -begleitet durch eine Hebamme- den Krankenkassen eine Menge Geld. Die Geburt unserer Tochter im Geburtshaus hat meiner Krankenkasse gerade mal 1/3 im Vergleich zur Krankenhausgeburt gekostet. Das nur mal am Rande..
    Lasst uns weiterhin gemeinsam kämpfen und für die Rechte von Familien und Hebammen einstehen!

    • Genau das ist der Punkt. Geburtshilfe muss Wert geschätzt werden. Jede Frau hat das Recht auf eine Betreuung in dieser wichtigen Phase. Man muss einer Person Vertrauen können und sicher sein, dass diese mich durch den gesamten Geburtsverlauf hilfreich zur Seite steht.
      Deshalb lasst uns gemeinsam um dieses Recht kämpfen und Frauen diesen Beruf weiterhin ausüben können.

    • Die Geburt im Geburtshaus oder zuhause ist für die Krankenkasse billiger – aber sie bringt den Kliniken, insbesondere den Großen à la Vivantes, Helios etc. – kein Geld. Ein Kaiserschnitt geht wunderschön schnell und bringt den Krankenhäusern ein Mehrfaches einer Spontangeburt, die sich laaaaaaaaange hinziehen kann…

      Die Schnittentbindung schützt meines Wissens auch vor so mancher Schadensersatzforderung. So hat man ja, selbst wenn etwas schiefgeht, alles nach allen Regeln der Kunst getan – welche Eltern, insbesondere die, die nicht Medizin studiert haben, würden es wagen, das anzufechten? Du kannst Dir denken, was ab und an die Folge ist – die steigenden Kaiserschnittraten in den letzten Jahren sprechen für sich…

  17. danke für deinen beitrag, ich habe erst gestern darüber geschrieben. meine mutter ist seit 37 jahren hebamme und hat schon sehr viel geleistet und 2 generationen entbunden, das ist eine wahnsinns leistung. der beruf hängt mit so viel herzblut, schweiss und liebe zusammen,dass es mich tag täglich traurig, und wie auch dich wütend macht, zu sehen, was passiert. tochter einer hebamme zu sein ist gerade sehr sehr schwer. hebammen verzweifeln zu sehen…, die ganze situation,…, es macht mich regelrecht krank. ich liebe meine mutter über alles, die mit ihren fast 60 jahren noch immer kinder auf die welt holt und ich bin sooo stolz auf sie. aber.., ich mache mir auch große sorgen. ich wünschte ich könnte mehr tun als nur meine unterschrift leisten und artikel zu schreiben, darüber zu sprechen und menschen animieren für unsere hebammen aufzustehen. liebe gruesse!

  18. Vielleicht muss man auch mal einen anderen Aspekt sehen: den der Haftpflichtversicherung. Wenn bei der Geburt was schief geht ist oft gleich ein ganzes Menschenleben zerstört, und das ist natürlich sehr teuer. Aber vielleicht muss man in Frage stellen, in dem Fall eine so hohe Entschädigung zu zahlen, da es nunmal ein „normales“ Risiko bei der Geburt ist. Könnte mir vorstellen daß das nach den Hebammen auch Ärzte und Krankenhäuser erwischt. Und es betrifft ja nicht nur Geburten, auch sonst bewegt man sich als Arzt ja auf dünnem Eis. Resultat könnte sein daß schwierige Fälle gar nicht mehr angenommen werden.

  19. Danke für den Artikel!

    Bin nun seit knapp 7 Wochen Vater :-). Und die häusliche Nachsorge durch unsere Hebamme war / ist toll! Da ist die Unterstützung sehr hilfreich – vor allem in der ersten Phase, da hat man doch noch einige Fragen.

    Als Selbständiger weiß ich auch, dass 400 EUR monatlich eine starke Belastung sind.

    Hab‘ nun in meinem Newsletter auch einen kleinen Aufruf gestartet und auch als Artikel veröffentlicht, wo ich diesen Artikel auch verlinkt habe:
    http://www.nachhaltigejobs.de/magazin/hebammen-unterstuetzen/

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  24. Hallo Hannes,

    zunächst einmal ein großes Lob für Deine Sicht als Vater und Dein Engagement in dieser Sache. Von Deiner Sorte sollte es mehr geben :-).

    Ich denke, das man bei der ganzen Diskussion auch das Recht auf Selbstbestimmung der Frau nicht vergessen darf, die ja auch an der Berufstätigkeit der Hebammen hängt. Denn wenn es dazu kommen sollte, dass Hebammen keine Hausgeburten oder Geburten im Geburtshaus mehr betreuen dürfen, weil sie hierfür nicht versichert sind, wird der Schwangeren damit gleich mal mit die Wahlmöglichkeit genommen.

    In allen anderen Belangen habe die Wahl. Ich kann entscheiden, wo ich einkaufe, zu welchem Arzt ich gehe, welches Auto ich fahre, welchen Telefonanbieter ich will, aber ausgerechnet bei der Wahl des Ortes für die Geburt meines Kindes soll ich aufgrund von wirtschaftlichen Interessen eines profitorientierten Unternehmens keine Wahl mehr haben? Und das vor dem Hintergrund, dass eine Geburt für die Frau ein einschneidendes Erlebnis in ihrem Leben darstellt. Na, vielen Dank auch.

    Ich habe mich, wie Deine Frau auch, bewusst für die Entbindung in der Klinik entschieden. Ich hatte die Wahl und habe sie aktiv getroffen. Dies sollte auch weiterhin möglich sein.

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  26. Ich wollte mal meine Meinung als Hebamme dalassen. Ich habe den Artikel gelesen und die Kommentare dazu und ich bin selbst eine der betroffenen Hebammen. Nach der Ausbildung war ich so „dumm“ zu glauben, dass man die Kosten der Haftpflichtversicherung irgendwie auf Dauer tragen kann. Mir war es nach der Ausbildung einfach wichtig Frauen möglichst gut und umfassend zu betreuuen. Ich habe selbst in einer Klinik mit knapp 2000 Geburten gelernt. Wir hatten drei Kreißsäle und es waren in jeder Schicht zwei Hebammen. Die Hebamme hatte ihre Handlungsanweisungen: alle 2h Blutdruck, Puls und Temperatur messen, Vaginal untersuchen, Blase entleeren (in der Regel alle 2h mit einem Katheter, keine Zeit groß mit den Frauen aufzustehen, weil unter Wehen dauert das zu lange) es liefen Dauer-CTG´s und diese wurden vom Schreibtisch aus bewertet. Das war aber nicht so weil die Hebammen irgendwie unmenschlich waren, sondern einfach weil schier keine Zeit für eine intensivere Betreuung da war. Wenn viel los war, dann rannten die Hebammen nur hin und her und haben versucht alle Frauen den Möglichkeiten entsprechend gut zu betreuuen. Ich hab in der Ausbildung mal ein sehr schönes Geschenk bekommen, von einer Frau die ich unter der Geburt betreut habe, ich konnte mich nicht an sie erinnern, bis heute nicht. Und das war was ich nicht wollte.
    Ich bin also an eine ländliche Klinik gegangen, mit ca. 500 Geburten im Jahr (ebenfalls drei Kreißsäle) und da durfte ich eine wirklich tolle Geburtshilfe erleben. Ich war dort als Beleghebamme tätig, was in den meisten so kleinen Kliniken der Fall ist. Das heißt wir sind freiberuflich, hatten aber einen Dienstplan und Bereitschaften. Hier war es keine Seltenheit, dass die Frauen ihre Kinder im Rettungswagen oder im Flur oder im Fahrstuhl des Krankenhauses gebahren, weil die Wege einfach teilweise sehr weit waren und für eine schnelle Zweit-, Dritt- oder Viertgebärende manchmal zu weit. Es stand dann lange in der Diskussion, ob die geburtshilfliche Abteilung der Klinik überhaupt erhalten bleibt und im Endeffekt habe ich, aus Angst vor Schließung, dort gekündigt. Das Ende vom Lied war, dass man keinen Ersatz für mich gefunden hat. Und das ist genau das Problem. Es ist kaum noch jemand bereit diese hohen Versicherungsbeiträge zu zahlen, die liegen mittlerweile übrigens bei 530€ im Monat, und ich war dazu auch nicht bereit. Wenn man sich mit diesem Thema mal wirklich beschäftigt findet man überall aus Deutschland auch Nachrichten von Kliniken die ihre geburtshilfliche Abteilung schließen mussten, weil sie keine Hebammen gefunden haben, das sind aber meist kleine Kliniken in eher ländlichen Gebieten und diese Nachrichten sind meist auf die lokalen Medien begrenzt, so dass die meisten das überhaupt nicht mitbekommen.
    Vor allem ist es immer bewundernswert, wie wenig Menschen das eigentlich interessiert. Für mich steht fest, dass ich nicht mehr in der Geburtshilfe arbeiten werde, weil ich Frauen einerseits nicht wie am Fließband betreuen will und andererseits keine Existenzängste haben muss, was beispielsweise die ins unermesslich steigende Haftpflichtversicherung betrifft.
    Die meisten halten es für eine tolle Lösung die Geburtshilfe an großen Kliniken mit Perinatalzentrum zu zentralisieren. Aber dort herrscht meist einfach Personalmangel. Ich höre Geschichten von Hebammenkolleginnen die teilweise ALLEIN im Dienst sind, obwohl die Klinik eine Geburtenzahl von 2000 deutlich übersteigt, weil leider zu wenig Personal da ist. Ich höre Geschichten von Hebammenkolleginnen, die nach dem Frühdienst noch zur Nachtschicht müssen, weil eine Hebamme leider krank geworden ist. In manchen Kreißsälen geht es auf Grund von Personalmangel regelrecht grenzwertig zu. Das was Hebammen leisten muss immer respektiert werden! Egal ob es die Hebammen sind die Hausgeburtshilfe betreiben, oder die die an Belegkliniken arbeiten, ob es die sind die an den großen Perinatalzentren oder an den kleineren Level 3 Kliniken arbeiten, Geburtshilfe ist eine riesige Herausfroderung. Und wer sagt, dass das was wir tun sich nicht als „Medizin“ bezeichnen lässt, der hat keine Ahnung was wir überhaupt tun! Wir leiten die Geburten, nicht die Ärzte, wir erkennen Regelwidrigkeiten, wir beurteilen die CTG´s und wir stehen verdammt nochmal daneben und versuchen alles um den Kindern gesund auf die Welt helfen. Und keiner kennt dieses Gefühl von Sorge, wenn das Kind mit den Herztönen abrutscht und man als Hebamme der Frau mal schnell einen intravenösen Zugang legen muss, dann noch den Arzt informieren muss, der schlimmstenfalls von zu Hause kommt, und gleichzeitig ein Notfallmedikament vorbereiten muss. Wir alle geben unser Bestes, und als Hebamme die in der Geburtshilfe tätig ist, hat man eine riesige Verantwortung und die nehmen wir ernst. Schade das das so wenig Anerkennung findet.

    • Danke für deinen langen und ausführlichen Bericht. Und ja, die Sache mit der Wertschätzung ist wirklich fatal. Genau darum ging es mir ja. Es ist und bleibt ein Trauerspiel.

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