Vom Meer

Pigeon Point Lighthouse, California

Die Zeitschrift Mare hat anlässlich ihrer 100sten Ausgabe ein tolles Sonderheft herausgebracht. In dem Heft berichten 100 Prominente in Wort oder Bild über ihrer besondere Beziehung zum Meer. Es sind wunderbare Perlen darunter, viele davon sehr geistreich, inspirierend. So inspirierend, dass auch ich intensiv über die besondere Rolle nachdedacht habe, die das Meer in meinem Leben spielt, auch wenn ich weit von seinen Gestaden entfernt lebe.

Ich habe keine Erinnerung an meine erste Begegnung mit dem Meer. Es muss, so Erzählungen meiner Eltern, im Kindergartenalter gewesen sein. In Holland, genauer gesagt in Nordwijk. Auch wenn die Erinnerung abhanden gekommen ist, es war offenbar eine sehr nachhaltige Begegnung. Bis heute zieht es mich immer noch wie magisch an die holländische Nordseeküste.

Ich mag das Salz in der Luft, das Rauschen der Brandung, die Dünen und das Gekreische der Möwen. Doch am meisten mag ich das Gefühl von Sand unter den Füßen. Noch heute ist es das erste, was ich am Strand tue. Ich ziehe meine Schuhe aus und laufe an der Wasserkante entlang. Egal zu welcher Jahreszeit, egal bei welchem Wetter.

Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass wir unsere Urlaube überwiegend an der See verbracht haben. Tonnenweise habe ich Sand bewegt, Kilometer um Kilometer bin ich zu den Grenzbojen der Badezonen und wieder zurück geschwommen. Mehrere Schlauchboote habe ich zerschlissen, unzählige Sandschaufeln zerstört. Am Ende war es im Alter von siebzehn Jahren ein schwerer Bergunfall, der meine Liebe zum Meer endgültig besiegelt hat.

Einige Meere dieser Erde habe ich schon spüren und “erfahren” dürfen, doch keines hat mich so nachhaltig beeindruckt wie der Atlantik. Nicht umsonst ziert ein Leuchtfeuer der nordamerikanischen Atlantikküste dieses Blog. Überhaupt Leuchtfeuer. Diese Orientierungspunkte für Seefahrende und Landeier gleichermaßen. Es gibt wenige andere Gebäude, die eine solch magische Anziehungskraft auf mich ausüben. Egal ob das Nubble Lighthouse oben im Blog, die Leuchtfeuer an der schroffen schottischen Nordseeküste, Leuchttürme an der kalifornischen Pazifikküste oder der majestätisch den westlichsten Zipfel europäischen Festlands bewachende Leuchtturm am Cabo de São Vicente in Portugal. Wie viele Menschen verdanken ihr Leben und ihre Orientierung diesen Gebäuden?

Das Meer hat mich Respekt gelehrt. Respekt vor seinen Lebewesen. Respekt vor seiner Gewalt. Respekt vor seiner Leistung für unser Leben auf diesem Planeten. Das Meer ist mein Element. Ich mag, wie es mich trägt. Wie es mich wiegt. Wie es mich hinauslockt, mich wieder ans Ufer spült. Nie werde ich die Stunden vergessen, in denen ich es besegeln durfte. Selten habe ich sein Kraft unmittelbarer erlebt, seine Energie. Ich mag den salzigen Geschmack auf den Lippen und der Haut. Ich mag das Schaudern, wenn man erhitzt in seine Kühle eintaucht. Selbst, wenn es sieben Uhr am Morgen in einer kleinen, verlassenen Bucht auf der Insel Skye ist. Das Wasser hatte gewiss nicht mehr als zwölf Grad Celsius.

Das Meer erzählt mir Geschichten. Es ruft Bilder in mir auf, es macht mich träumen. Nichts weckt meine Sehnsucht mehr, als der Blick hinaus aufs Meer am frühen Morgen oder bei Sonnenuntergang. Und auch ich erzähle dem Meer meine Geschichten. In meinen größten Lebenskrisen hat es mich immer ans Meer gezogen. Ich bin nachts am Strand entlang gewandert. Allein. Kilometerlang. Ich habe meine Sorgen, meine Frustration hinausgeschrien gegen die Brandung. Zum Teil bis zur Erschöpfung, sodass ich am Fuße der Dünen eingeschlafen bin und am Morgen von den ersten Sonnenstrahlen und den möwen geweckt wurde.

Und jedesmal wusste ich im Anschluss, was zu tun ist. Als hätten Wind und Wellen meine Gedankengänge durchgespült, war auf einmal Klarheit da. Erkenntnis. Entscheidungen.

Pacific coast, Point Lobos State Park, California

Wind und Wellen, Luft und Wasser.
Elemente in Widerstreit und Harmonie.
Sie tragen und bewegen Dich,
verlangen Respekt.

Sie geben und nehmen,
vereinen sich in der Brandung,
die wild ist und doch umschmeichelt.

Weite und Einsamkeit umarmen sich,
sind Verbindung und Trennung gleichermaßen.
Es braucht Vertrauen und Wagemut,
wollen wir sie überwinden.

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Zum Thema “Meer” habe ich nun auch eine Blogparade ausgerufen.

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4 schräge Töne zu “Vom Meer

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